DLG-Unternehmertage 2002: Effizientes Betriebsmanagement in der Schweinehaltung
Bernd Abbentheren, Landwirt, Twistringen (Niedersachsen)
Wenn ich als Schweinehalter in meiner Region ein ausreichendes Einkommen erwirtschaften will, dann kann ich das nur verwirklichen durch ein konsequentes Rein-Raus-Verfahren und zwar in allen Produktionsstufen. Das kann ich bei meiner Betriebsgröße nicht als Einzelkämpfer erreichen. Denn die für dieses Verfahren nötigen großen einheitlichen Ferkelpartien sind nur im Produktionsverbund zu erreichen. Und diese Produktionskette sollte mindestens dreistufig sein (Ferkelerzeugung, Ferkelaufzucht und Mast). Die Erfahrung zeigt, dass es durch die Unterbrechung der lnfektionsketten leichter ist, gesunde und robuste Ferkel zu erzeugen. Mit denen lassen sich dann in der Mast hohe Tageszunahmen bei geringen Verlusten verwirklichen. Nur dieser Weg führt langfristig zu mehr Einkommen und mehr Freude bei der Arbeit und macht dann Lust auf die immer wieder notwendigen Wachstumsschritte.
Und um wie viel wichtiger ein schlagkräftiger Verbund ist, wird einem klar, wenn man weiß, dass moderne Fleischproduktion heute und in Zukunft heißt: Produktion von der Geburt bis zur Ladentheke und das möglichst noch in der Verantwortung oder zumindest Mitverantwortung der Landwirte. In der Geflügelhaltung ist dies schon Standard, nur leider ohne Mitgestaltung der Landwirte.
Lösungsansätze
Raiffeisen-Qualitätsferkel
Ich möchte Ihnen nun unser Verbundsystem vorstellen, das unter dem Dach einer Genossenschaft entstanden ist und zwar der Raiffeisen Viehvermarktung Barnstorf-Twistringen eG. Unser Hauptproblem war die Bereitstellung von großen einheitlichen, gesunden Ferkelgruppen (500 bis > 1000). Nach dem alten System der gesammelten Werke konnte man "einheitlich" und "gesund" gleich vergessen. Was war also zu tun?
Unsere erste Lösung bestand in der Gründung der Systemferkel GmbH &Co. KG. Unter der Regie mehrerer Genossenschaften haben sich 95 Sauenhalter mit 2950 Sauen zusammengeschlossen. Dieses System war zu Anfang sehr erfolgreich, verlagerte aber die Probleme in die zwischengeschaltete Stufe. Der Strukturwandel (Durchschnitt 30 Sauen), aber auch der Krankheitsdruck durch Circovirus führten dann zum Auslaufen dieses Systems. Heute produzieren neun Sauenhalter mit ca. 1500 Sauen direkt für den Mäster.
Nach der Wiedervereinigung hatten wir die Möglichkeit, eine Ferkelproduktionsanlage in Sachsen-Anhalt zu erwerben. Unter Führung der RVV wurde die FEZG Meseberg mbH gegründet. Gesellschafter sind 18 Landwirte und 2 Genossenschaften. Die Beteiligung des Landwirts richtet sich nach seiner Jahresferkelabnahme. Die Anlage wurde dann im Laufe der letzten Jahre auf 2550 Sauen ausgebaut. Wir verfügen über 4000 Flattdeckplätze, 6800 Flattdeckplätze in Twistringen und 16.000 cbm Güllelagerung. Das Stammkapital beträgt 820.000 EUR, Stille Gesellschaft 675.000 EUR, mit Bürgschaften und Darlehen insgesamt 2,6 Mio. EUR. Es werden 12 Mitarbeiter bei 176 ha LN beschäftigt.
Die überzeugende Qualität der Ferkel und der damit verbundene Erfolg beim Mäster führte sehr schnell zu großen Wachstumsschritten bei den Beteiligten und zu neuen lnteressenten, so dass wir nach dem gleichen Muster eine zweite Anlage in Sachsen-Anhalt gekauft haben. Eigentümer sind 23 Landwirte und zwei Genossenschaften. Auch hier werden 2350 Sauen gehalten. 6000 Ferkelaufzuchtplätze stehen in Wedringen, etwa 50 km entfernt, und 5200 in Twistringen. Die Güllelagerung umfasst 7000 cbm, 305 ha LN, 15 Mitarbeiter, Stammkapital 2,8 Mio. EUR.
Die Produktionsleistung beider Anlagen liegt inzwischen sehr stabil bei etwa 23 aufgezogenen Ferkeln. Die Bezahlung der Ferkel durch den Mäster erfolgt über den Marktpreis unserer Region + 6,5 EUR Zuschlag. Um aber bei sehr niedrigen Ferkelpreisen die Liquidität der Anlagen zu erhalten, haben wir einen Liquiditätskorridor eingeführt; dieser bewegt sich inklusive der Zuschläge im Bereich von 50 bis 55 EUR, bei Unterschreitung wird die Differenz durch Darlehen ausgeglichen, bei Überschreitung werden Darlehen zurückgezahlt (monatlich). Um eine Betriebssynchronisation zu erreichen, werden im Normalfall 125 Tage nach der Einstallung die neuen Ferkel geliefert.
Bedarf an großen Ferkelpartien, Einbindung von zwei Sauenanlagen in diese Produktionskette. Einmal die Sauenanlage Porky in Uröden mit 3000 Sauen und dann die Sauenanlage Colbitz mit 400 Sauen.
Um in diesem ganzen System eine einheitliche Genetik zu erhalten und auch zu steuern, haben wir in Zusammenarbeit mit der deutschen PIG hier eine Jungsauen-aufzucht GmbH vorgeschaltet. Jungsauen aus Demsin, Aufzucht in Dramstorf. Quarantäne in Neuenhofe.
Transport
Gründung der Raiffeisen Viehtransport GmbH. Ein spezielles Problem ist der Transport der Ferkel. Für Mastschweine und Ferkel wurde der gleiche Transporter mit der Gefahr der Krankheitsübertragung eingesetzt. Heute verfügen wir über spezielle Transporter nur für Babyferkel, für Ferkel und für Mastschweine.
Futter RWG
Auch im Bereich der Futtermittel war uns nach Futterproblemen in den Übergängen der einzelnen Erzeugungsstufen sowie durch die letzten Lebensmittelskandale klar, dass wir eine einheitliche Linie fahren müssen. Wir haben Verträge mit dem örtlichen Futtermittelproduzenten, der RWG Twistringen, abgeschlossen mit den Konsequenzen: Regionaler Kreislauf, eigenes Getreide verfüttern, Einfluss auf Inhaltsstoffe, halbjährliche Preisgespräche, gesamtes Futter ohne Leistungsförderer.
Vermarktung Bedford
Es war uns von Anfang an klar, dass, wenn wir erfolgreich sein wollen, zu diesem Verbund auch eine gemeinsame Vermarktung gehört. Durch vertragliche Regelungen haben sich alle Beteiligten in dieses System eingebunden, d.h. die Herkunft aller Tiere kann von der Geburt bis zum Verarbeitungsbetrieb lückenlos dokumentiert werden. Das Ganze ermöglichte dann auch unsere ersten erfolgreichen Vermarktungsschritte in Richtung Ladentheke und zwar über eine bedarfsgerechte Schinkenproduktion für die Firma Bedford. Unterstützt von der CMA und der NMG ist das Ziel dieses Projektes ein neues System der Herkunftssicherung im Bereich der Schinkenerzeugung. Dieses System, das bei uns in der Erzeugerstufe ansetzt und die Schlachtstufe umfasst, ist dahingehend ausgerichtet, dass der Verbraucher anhand einer am Schinken befestigten Identifikationsnummer im Internet unter www.schinken.de die Herkunft des Schinkens über alle beteiligten Stufen einwandfrei zurückverfolgen kann. Außerdem wurde im Rahmen dieses Projektes versucht, die Qualität der Schinken durch Genetik (Einsatz von NN Ebern) und durch besondere Futtermittel zu verbessern (Kokosfettanteil im Futter ab 80 kg LG). Ziel ist die wöchentliche Lieferung von 4000 Schinken.
Dokumentation Bedford
Für eine solche Garantie ist natürlich auch eine Dokumentation nötig. Wir haben inzwischen auch die Q+S-Anerkennung, wobei die RVV hier als Bündler auftritt und auch die erstmalig anfallenden Kosten übernimmt.
Mastprotokoll Lieferschein
Das Ferkelübergabeprotokoll enthält, dabei sind bestimmte Punkte von Fahrer und Landwirt abzuzeichnen, Informationen über Stallhygiene, Stalltemperatur, Auffälligkeiten. Der Lieferschein Schlachtschweine enthält die für die Schlachtung benötigten Daten sowie ein Gesundheitsprotokoll für den Mastdurchgang.
Beratung findet bei uns stufenübergreifend durch einen freien Berater statt. Die Daten übermittelt der Landwirt nach jedem Durchgang, es wird nicht mit Beständen gearbeitet (keine Jahresauswertung). Beraten wird nur nach Anforderung oder bei Auffälligkeiten.
Zusammenfassung
In diesem ganzen Produktions- und Vermarktungsverbund sind etwa 150 Landwirte beteiligt. Es werden ca. 60 Mitarbeiter beschäftigt. Die Gesamteinlagen im Verbund inkl. Darlehen betragen ca. 7,5 Mio. EUR. Um ein solches System erfolgreich am Laufen zu halten, bedarf es einer hohen Motivation aller Beteiligten (schwierig). Wir haben dies erreicht durch schnellen Informationsfluss, Einbindung bei Entscheidungen, Offenheit und natürlich Erfolg.
Zum Betrieb Abbentheren
115 ha Acker, 1200 Mastplätze Twistringen, Landkreis Diepholz angrenzend an den Landkreis Vechta ( Südoldenburg), intensive Veredlungsproduktion Vorteile: Gute Struktur; viel Know-how; Futtermittelproduzenten; Schlachtereien; Verarbeiter vor Ort. Nachteile: Hohe Viehdichte, dadurch höherer Krankheitsdruck; Ferkelzuschussgebiet; Gülleproblematik durch zu geringe Flächenausstattung der Betriebe: Gerade diese Problematik wird durch neue Gesetze und Verordnungen noch verschärft. Das führt zu Pachtpreisen von 450 bis 600 EUR/ha.
Die Folien zum Vortrag als PDF zum Download.
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