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DLG-Unternehmertage 2001 - Qualitätssichernde Produktion umsetzen - in der Putenhaltung
Leonhard Keller, Landwirt, Bibertal (Bayern)
In der Putenmast spielt Qualitätserzeugung und auch Qualitätssicherung schon immer eine große Rolle, weil hier von jeher ein großer Teil der Erzeugung über Verträge geregelt ist, und dieser Produktionszweig in der Öffentlichkeit sehr kritisch und sensibel gesehen wird. Qualitätserzeugung bedeutet für uns und unseren Betrieb, das zu produzieren, was der Kunde will, auf das Rücksicht nehmen, was am Markt verlangt wird.
Qualitätssichernde Produktion bedeutet aber auch, Puten in einem kontrollierten System, nach den Richtlinien der Erzeugergemeinschaft mit einem definierten Qualitätsstandard zu erzeugen. Wir liefern den Verbrauchern ein nachweislich gutes Stück Fleisch auf den Teller.
Qualitätserzeugung heißt für uns weiterhin, nach Möglichkeit einen großen Teil der Produktion über Verträge abzusichern, wo nicht nur der Verkaufspreis und die Verkaufsmenge vereinbart werden, sondern auch Erzeugungs- und Qualitätsrichtlinien. Bei der Süddeutschen Truthahn AG (SüTAG), einem Zusammenschluss mehrerer Erzeugergemeinschaften, gibt es schon sehr lange eine betriebsinterne Qualitätssicherung, mit Qualitätsrichtlinien, die immer auch schon unsere Lieferanten mit einschließen.
Abnehmer, wie zum Beispiel die Firma Nölke, nehmen nur Tiere, die unter DIN ISO 9002 produziert werden. Um dieser Forderung gerecht zu werden, hat eine Übernahme der Qualitätssicherung durch die Mäster selbst stattgefunden, die in der SüTAG organisiert sind. Seit April 1999 ist die SüTAG nach der ISO 9002 zertifiziert. In allen angeschlossenen landwirtschaftlichen Betrieben wird im Betriebszweig Putenmast ein Qualitätsmanagement-System umgesetzt, und die Zertifizierung ist vorgesehen. Die Teilnahme an der Qualitätssicherung ist daher mittlerweile eine grundsätzliche Voraussetzung für die Mitgliedschaft in der Süddeutschen Truthahn Erzeugergemeinschaft geworden, da bei Lieferung von "Nicht–Qualität" sofort von einem Mäster auf alle geschlossen wird.
Unser Qualitätsmanagementsystem umfasst die gesamte Aufzucht, Mast und Vermarktung von Puten sowie die Beschaffung und Transport von Futtermitteln durch die SüTAG. Es betrifft neben den Mitgliedsbetrieben (Mäster) den Vorstand und die Geschäftsstelle.
Produktion in der Kette heißt für uns, dass mit verschiedenen Firmen durch die SüTAG entsprechende Vereinbarungen getroffen wurden, die in der Regel auch sämtliche Vorlieferanten betreffen: Brüterei, Futtermittelfirmen, Sägewerke, Tierärzte und Energielieferanten.
Kundenwunsch steht im Mittelpunkt der Erzeugungskette
Der Kundenwunsch steht im Mittelpunkt dieser Erzeugungskette. Die Vermarkter geben die Kundenwünsche über die SüTAG an uns Mäster und die Lieferanten weiter. Mit unserem Betrieb nehmen wir teil an der Gutfried Vertrauensproduktion (GVP) der Firma "Nölke". Über eine Mästervereinbarung werden die Produktionskriterien festgelegt. Für die Teilname an diesem Programm erhalten wir zur Zeit einen Zuschlag von 0,50 DM für jedes verwertbare Tier. Die Bonushöhe wird in der Mästervereinbarung festgeschrieben. Ein Fachbeirat, in dem alle Mitglieder der Kette vertreten sind, legt die Programmkriterien für alle Bereiche fest: von der Brüterei bis zum Schlachtband.
Die GVP-Produktionsregeln von der Firma Nölke beinhalten folgende Leistungspflichten
- der Brüterei:
Kükenbezug von einer Brüterei, die die GVP-Richtlinien anerkennt; die Rasse und das Bruteigewicht werden vorgeschrieben.
- der Mischfutterhersteller:
Futtermittel von einem Hersteller, der nach GVP-Vorgaben herstellt: Inhaltsstoffe und Höchstmengen von Linol- und Linolensäure sind festgeschrieben, kein GMO-Soja, offene Deklaration, Bereitstellen von Rückstellmustern.
- der tierärztlichen Einrichtung Tiergesundheits-Dienst (TGD):
Erstellung von angepassten Impfprogrammen bei ND, TRT und HE; Beratung und Betreuung im Hinblick auf Gesunderhaltung, Krankheitsbekämpfung und Haltungshygiene; Laboruntersuchungen, Führung einer Bestandskartei über bereitgestellte Arzneimittel, Dokumentation im Mastbericht.
- der Mäster:
Maststall in Deutschland, Ausfüllen des Mastbegleitberichts mit sämtlichen Durchgangsdaten, die in der Stallkarte vermerkt sind, sowie Teilnahme an der anonymen Mastauswertung aller Mäster.
- der Vermarktungsunternehmen:
Auswertung von Schlachtergebnissen und Verknüpfung von Mastdaten, Koordinierung und Durchführung von Kontrollplänen zur Produktionssicherung und Produktqualität, Unterstützung von Fachtagungen und Infos für die Mäster.
Pflichten des Mästers
Meine Pflichten in dieser Kette sehen folgendermaßen aus:
QM - nach DIN ISO 9002
- Anwendung von Empfehlungen des Fachbeirates (Rasse usw.),
- Tierärztliche Betreuung (über einen Betreuungsvertrag geregelt),
- Einsatz und Aufbewahrung von Arzneimitteln,
- Mastauswertungsprogramm über Erzeugergemeinschaft,
- freiwilliges Salmonellen-Monitoring,
- Stallkarte führen, Mastbericht vollständig ausfüllen und dem Tierarzt bei jedem Besuch vorlegen.
Qualitätssicherungs-Strategie
Die genaue Rückverfolgbarkeit der einzelnen Partien - "Wissen und nachweisen, was war" - durch Dokumentation im Stallbuch oder auf der Stallkarte sind heute wichtiger denn je. Die Skandale und Krisen der letzten Jahre in verschiedenen Produktionsbereichen, wie Hormonskandal bei Kälbern, Dioxinskandal bei Futtermitteln, Bruteiern in Nudeln, Glycol im Wein oder BSE und Arzneimittelskandal, veranlassten uns im Putenmastbereich alles für eine sichere Produktion zu tun. Zu jedem Zeitpunkt zu wissen, was bei welchem Durchgang alles war, und dies auch dem Handel gegenüber anhand der Aufzeichnungen und Kontrollen beweisen zu können, ist für uns sehr wichtig.
Wie findet die Qualitätskontrolle bei den Lieferanten statt?
- Küken:
Sichtkontrolle, Gewicht und Zustand, Einstalluntersuchung (10 Küken noch auf dem Liefer-LKW töten und im Labor untersuchen lassen).
- Futter:
Sichtkontrolle, Gewicht, Geruch, Rückstellmuster und Untersuchung der Muster auf Inhaltsstoffe. Vereinbarung mit dem Lieferanten, zum Beispiel "Non GMO Soja": Zertifikat des Lieferanten in Brasilien bis nach Regensburg zum Futtermittellieferanten, Verarbeitung im Werk nach DIN ISO, Weiterleitung und Transport zum Landwirt unter DIN ISO, Abblaszeiten vereinbaren (Abrieb), auf Reinigung und Sauberkeit der LKWs achten.
- Hobelspäne als Einstreu:
Sichtkontrolle, Gewicht, Geruch und darauf achten, dass die Hobelspäne auch staubfrei sind.
Jährliche Kontrolle durch Auditor
Eine Beurteilung der Lieferanten erfolgt mit einem entsprechenden Formblatt und der Weitermeldung an SüTAG. Die Kontrolle der Vorlieferanten findet durch meine Untersuchungen, interne und externe Audits statt. Mein Betrieb wird durch einen internen Auditor der SüTAG jährlich kontrolliert. Eine externe Kontrolle des QM-Systems wird durch eine unabhängige Gesellschaft durchgeführt. Bei uns ist dies Agri-Zert.
Planungssicherheit
Dieses System der vertraglichen Absicherung und Qualitätskontrollen gibt mir als Mäster Planungssicherheit. Mein Ziel ist, durch die Möglichkeit der Einsicht in Dokumentation und Stallbesuche, mit entsprechender Diskussion und Aufklärung gegenüber den Verbrauchern, eine für jeden offene und gläserne Produktion zu betreiben. Durch diese Form der Vermarktung habe ich einen sicheren Absatz in einer Kette. Ich weiß, für wen ich was, nach welchen Vorgaben und zu welchem Preis erzeugen kann.
Anonyme Mastauswertung durch die Erzeugergemeinschaft
Aber Voraussetzung ist auch, dass alle Mäster bemüht sein müssen, nach den Qualitätsrichtlinien zu produzieren und einheitliche Qualitäten zu schaffen. Eine große Hilfe ist dabei auch die anonyme Mastauswertung, die Grundlage der Beratung ist und die, gerade was Qualität betrifft, durch die Erzeugergemeinschaft erfolgt.
Unternehmerische Betrachtung
Wenn ich das Qualitätsmanagement und die Qualitätssicherung nun unternehmerisch betrachte, muss ich gestehen, dass ich zunächst sehr skeptisch war. Man muss einen Teil seiner unternehmerischen Freiheit aufgeben und dazu noch jede Menge "Schreibkram" erledigen. Diese Befürchtungen haben sich aber letztendlich nicht bestätigt. Die Vorteile überwiegen den Aufwand doch erheblich.
Gruppenzertifizierung ein kostengünstiger Weg
Meine Erfahrungen mit dem Aufbau eines QM-Systemes sind sehr positiv, was nicht zuletzt daran liegt, das wir im Rahmen der SüTAG als Mäster eine Gruppenzertifizierung mitmachen konnten. Die war für uns ein kostengünstiger Weg, in die Zertifizierung einzusteigen. Das QM-System und das entsprechende Handbuch wurden durch die SüTAG vorgegeben. Unter Beratung der Qualitätsbeauftragten der SüTAG fand dann die Umsetzung im Betrieb statt. Der Zeitaufwand war schon enorm, vor allem das Studieren des Handbuches und der etwa 20 Verfahrensanweisungen, wobei man durchaus auf einige, wie zum Beispiel die Einstallvorbereitung oder Umstallung, auch verzichten könnte.
Großer innerbetrieblicher Nutzen
Wenn ich heute aber meine Unterlagen anschaue, dann kann ich genau nachvollziehen, was wann und wie gelaufen ist. Ich kann einzelne Durchgänge vergleichen und auch die eingesetzten Produktionsmittel entsprechend beurteilen. Bestellformulare für Betriebsmittel und Checklisten zur Beurteilung der Lieferanten erleichtern die Arbeit und geben auch Sicherheit, dass nichts vergessen wird. Durch das QM-System habe ich mehr Überlegungen über meine Betriebsabläufe angestellt, Abläufe konnten optimiert und rationalisiert werden. Ich habe einen besseren Überblick erhalten. Anhand von Checklisten wird jeder Durchgang geplant, Betriebsmittel werden so bestellt, dass sie rechtzeitig vorhanden sind, aber nicht zu lange herumliegen. Heute habe ich auch mit einem Handgriff sämtliche Belege, seien es Lieferscheine, die gegengezeichnet sind oder Arzneimittelbelege, oder Futtermittelanalysen, weil die Ablage sämtlicher Belege, für jeden Durchgang, fein säuberlich im jeweiligen Ordner vorgeschrieben ist. Ich habe sicherlich Mehrarbeit durch die Dokumentation und die Kontrollen ( ca. 15 Min. täglich), aber auch Sicherheit in der Produktion und beim Einkauf, dadurch auch Kosteneinsparung durch Vermeidung von Fehlerquellen bzw. Erleichterung bei Fehlersuche.
Auch finanzielle Anreize vorhanden
Der finanzielle Anreiz über die Auszahlung von 0,50 DM je Tier als Bonus hat meine Entscheidung hin zu QM und QS sehr stark beeinflusst. Denn bei 35000 produzierten Tieren im Jahr sind dies immerhin fast 18000 DM, auf die ich nicht verzichten wollte. Dies hat mir die Entscheidung leichter gemacht.
Zukunftsausblick
Künftig werde ich meine Putenmast noch intensiver nach der freiwilligen Putenvereinbarung ausrichten, die in Niedersachsen zwischen den Erzeugern, der Politik und den Tierschützern getroffen wurde. Besatzdichte, Tageslichteinfall, Schnabelkürzen usw. wurden in dieser Vereinbarung geregelt. Nur so kann die öffentliche Diskussion um artgerechte Tierhaltung bei Puten für uns Putenmäster zu einem positiven Ergebnis führen. Wir müssen die Ängste der Verbraucher ernst nehmen, auch wenn sie größtenteils unbegründet sind. Die Landwirtschaft hat in der Vergangenheit nicht alles falsch gemacht, auch wenn es manche Politiker ständig so von sich geben und überzogen mit entsprechenden Verordnungen reagieren. Mit jeder nationalen Verordnung entstehen für uns neue Wettbewerbsverzerrungen, die der Verbraucher nicht über den Produktpreis ausgleichen wird.
Wir müssen noch wesentlich mehr versuchen, in der Öffentlichkeit unsere Produktion, unsere Arbeit darzustellen: Was machen wir, wie machen wir es, und warum machen wir es? Wir müssen noch mehr in die Offensive gehen und uns öffnen. Das gilt für jeden einzelnen von uns. Qualitätssicherungssysteme, die Transparenz in unsere Arbeitsweise bringen, sind ein Schritt, diesem Ziel näher zu kommen. Will die Landwirtschaft den Rückhalt bei den Verbrauchern nicht verlieren, so muss sie diesen Weg einschlagen, um so ihre Zukunft zu sichern. Auch eine moderne Landwirtschaft kann in der Gesellschaft Anerkennung finden, wenn ihre Produktion und ihre Arbeit verstanden wird.
Zum Betrieb:
85 ha Ackerbaubetrieb zwischen Ulm und Augsburg. In der Vergangenheit: Veredlung über Bullenmast mit Silomais, 100 Mastplätze. Seit zwei Jahren mit Putenmast, zur Zeit Ausbau auf 35.000 Stück Jahresproduktion.
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