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„Züchtung als Antwort auf die Herausforderungen von morgen“

von Philip von dem Bussche, Vorstandsmitglied der KWS SAAT AG und Vertreter des Bundesverbandes Deutscher Pflanzenzüchter (BDP)
anlässlich der DLG-Pressekonferenz am 3. September 2007 in Frankfurt a. M.

Trotz der diesjährig mengenmäßig eher enttäuschenden Ernte befindet sich die Agrarwirtschaft im Aufwind. Im Mittelpunkt hierbei steht vor allem die weltweit stark steigende Nachfrage nach Nahrungsmitteln, Futtermitteln und Energie aus Biomasse. Eine bis 2050 auf 9 Mrd Menschen wachsende Bevölkerung, Änderungen der Verzehrsgewohnheiten sowie eine Erhöhung der Kaufkraft, insbesondere in Süd- und Südostasien, lassen den Nahrungsmittelverbrauch zukünftig um etwa 2% pro Jahr ansteigen. Dem stehen jedoch Restriktionen bei der Erzeugung der Nahrungsmittel gegenüber. So werden eine abnehmende Verfügbarkeit landwirtschaftlicher Nutzflächen, steigender Wassermangel, Krankheiten und Schädlinge eine mit dem Nachfragezuwachs Schritt haltende Angebotsentwicklung begrenzen. Gleichzeitig steigen die gesellschaftlichen Anforderungen an die Landwirtschaft im Umweltschutz sowie für die Pflege und Erhaltung der Kulturlandschaft.
Vor diesem Hintergrund kommen wichtige Aufgaben auf die Agrarwirtschaft zu. Um den zukünftigen Herausforderungen gerecht werden zu können, müssen die Agrarstandorte weltweit ihre Produktivität erhalten und weiter erhöhen. In den Erzeugungsregionen der USA und Europa ist es darüber hinaus erforderlich, auch die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den stark wachsenden Erzeugungsregionen in Südamerika zu verbessern. Beides  – Produktivitätssteigerung und Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit –  wird durch Ertragssteigerungen und/oder durch Kostensenkungen erreicht. Für die Landwirte in Europa steht dabei die Senkung der Stückkosten durch steigende Erträge auf guten Standorten im Vordergrund. Kosteneinsparungen resultieren aus dem Strukturwandel, betrieblichen Kooperationen, aber auch aus einer stetig zunehmenden Fortentwicklung des Wissens sowie der Anwendung dieses Wissens in der Tierhaltung, im Pflanzenbau und in der Landtechnik.
Die Pflanzenzüchtung leistet einen wichtigen Beitrag zur Produktivitätssteigerung in der Landwirtschaft und zur Verbesserung deren Wettbewerbsfähigkeit. Die Erhöhung der Erträge und die Verbesserung von Qualitätseigenschaften stellen dabei eine zentrale und ständige Aufgabe für die Pflanzenzüchtung dar. Am Beispiel der Zuckerrübe, deren Erträge im Verlauf der letzten 10 Jahre um durchschnittlich 19 dt Rüben/ha und Jahr (16% Zucker) gesteigert werden konnten, wird der Züchtungsfortschritt deutlich: Exemplarische Berechnungen zeigen einen jährlichen Vorteil für den Landwirt etwa 50,- €/ha. Der durchschnittliche Ertragsfortschritt durch Züchtung über alle Kulturarten hinweg liegt bei etwa 1,5% p. a.
Neben der Züchtung auf Ertragszuwachs und Qualitätsverbesserung stellt die Ausprägung von Resistenzen und Toleranzen gegenüber Krankheiten und Schädlingen eine weitere Hauptaufgabe für die Züchter dar. Auch in diesem Bereich bietet die Züchtung Lösungen für die Landwirtschaft. So konnten beispielsweise in der Zuckerrübenzüchtung Sorten entwickelt werden, die eine Toleranz gegenüber Rizomania  – einer bedeutenden Fruchtfolgekrankheit –  aufweisen, wobei im Laufe der Züchtungsarbeit die anfänglich bestehenden Ertragsnachteile dieser Sorten eliminiert werden konnten und das Ertragsniveau heute auf gleicher Höhe mit den konventionellen Sorten liegt. Eine gänzlich neue strategische Ausrichtung von Züchtungszielen geht mit der zunehmenden Bedeutung der Bioenergieerzeugung einher.
 

Zur wirtschaftlich tragfähigen Biogasproduktion steht als Zuchtziel die Maximierung des Biomasse- und Biomethanertrags/ha im Vordergrund. Durch umfassende Investitionen in spezielle Züchtungsprogramme für die Biogaserzeugung wird die KWS in den Kulturen Mais, Roggen, Sorghum und Zuckerrübe den Züchtungsfortschritt erheblich forcieren. Ertragssteigerungen von 5 - 10% p. a. sind dabei durchaus realistisch.
Durch den Anbau herbizidtoleranter Sorten ergibt sich ein weiteres großes Potenzial für zukünftige Produktivitätsfortschritte, die nur durch Forschung und Züchtung möglich sind. In den USA werden in diesem Anbaujahr erstmals herbizidtolerante Zuckerrübensorten angebaut. Die Landwirte profitieren durch die Ausschöpfung von Kostensenkungspotenzialen in der Unkrautbekämpfung von der Einführung der neuen Technologie. Die politischen Rahmenbedingungen in Deutschland und Europa sind allerdings insgesamt sehr restriktiv ausgestaltet und werden auch durch die bevorstehende Novelle des Gentechnikgesetzes in Deutschland nicht verbessert. Neben der Verbesserung der Bedingungen für die Forschung sind vor allem Erleichterungen im Anbau zugelassener GV-Sorten dringend notwendig. Im Vordergrund stehen die Präzisierung des Saatgutschwellenwertes, praxisgerechte Haftungsregelungen und eine Einschränkung des öffentlich zugänglichen Standortregisters, solange dieses für ungesetzliche Zerstörungen missbraucht wird. Eine echte Koexistenz aller Anbaurichtungen liegt im langfristigen Interesse von Landwirten und Verbrauchern.
Die Ausrichtung der Züchtung orientiert sich am Bedarf der Kunden in der Landwirtschaft und in den verarbeitenden Unternehmen. Entwicklungszyklen von 12 - 15 Jahren bis zur Markteinführung einer neuen Sorte machen die Abschätzung der Kundenanforderungen nicht eben leicht. Das richtige Gespür für die Kundenwünsche wird bei KWS jedoch durch ein enges Zusammenwirken von Vertrieb, Agroservice, Marketing, Produktion sowie Forschung und Entwicklung sichergestellt. Zur Gewährleistung des züchterischen Fortschritts setzt KWS zudem erhebliche finanzielle, materielle und personelle Mittel ein. Jahr für Jahr investiert das Unternehmen  – wie die gesamte Branche –  etwa 15% des Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Im letzten Geschäftsjahr (2005/06) entsprach dies bei KWS Aufwendungen in Höhe von 75 Mio € zum Nutzen der Kunden in der Landwirtschaft. Um Züchtungsfortschritt zu generieren, müssen die Investitionen aber auch am Markt zurückverdient werden können. Technischen Fortschritt gibt es nicht zum Nulltarif.
Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass vor dem Hintergrund der zukünftigen Herausforderungen für den gesamten Agrarsektor die Verbesserung der Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit in der Landwirtschaft von zentraler Bedeutung ist. Das ist in zunehmendem Maße auch ein globaler Wohlfahrtsfaktor für Gesellschaft und Verbraucher. Die Pflanzenzüchtung leistet durch die Entwicklung ertragreicher, qualitativ hochwertiger und gesunder Sorten einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit. Saatgut bildet damit die Basis für den wirtschaftlichen Erfolg und die Zukunftsfähigkeit der gesamten Wertschöpfungskette in der Landwirtschaft.

 
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