Zukunftsforum Wissenschaft und Praxis
Perspektiven biotechnologischer Forschung für die Agrar- und Ernährungswirtschaft
Eine gemeinsame Initiative von DFG und DLG
Zusammenfassendes Protokoll
Am 25. und 26. April 2005 fand in Berlin das erste gemeinsame "Zukunftsforum Wissenschaft und Praxis" der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) statt. Eröffnet wurde die Veranstaltung von dem Präsidenten der DFG, Herrn Professor Ernst-Ludwig Winnacker, und dem Präsidenten der DLG, Philip Freiherr von dem Bussche.
Mit dem Zukunftsforum wollen DFG und DLG eine gemeinsame Plattform für den Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis im Agrar- und Ernährungssektor schaffen. Es hat zum Ziel, vordringliche Forschungs- und Handlungsfelder zu identifizieren, die darin prioritären Fragestellungen und Probleme zu benennen, Anstöße für die Erarbeitung von Problemlösungen zu geben und deren Umsetzung in die Praxis zu fördern.
Das Zukunftsforum hat den Charakter eines Workshops. Es soll zu einer dauerhaften Einrichtung mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten aus dem Agrar- und Ernährungssektor werden. Die Teilnehmer sind jeweils die für das Themengebiet ausgewiesenen Wissenschaftler und Praktiker (sowohl Landwirte als auch Repräsentanten der Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette Lebensmittel). Der Austausch über Probleme und Lösungsansätze und die Formulierung der Anforderungen aus der Praxis sollen zum einen den Praktikern ermöglichen, zukünftige Forschungsergebnisse in ihre Unternehmens- und Produktionsplanungen mit einzubeziehen. Zum anderen sollen die Forscher aus den Erfordernissen der Praktiker Anregungen für die langfristige Forschungsplanung erhalten. Ein wesentliches Ziel dieses Kommunikationsprozesses ist dabei die Verkürzung der Zeitspanne, die von den ersten Ansätzen für die Erforschung der Grundlagen bis zur Anwendung der daraus hervorgehenden Entwicklungen reicht. Ein überschaubarer Zeitraum von der Vision zum Produkt ist die Voraussetzung für die zügige Umsetzung von Fortschritt und Innovation und damit ein wichtiger Indikator für die Attraktivität eines Wirtschafts- und Forschungsstandortes.
Rund 50 Teilnehmer aus Wissenschaft und Praxis diskutierten in diesem ersten Zukunftsforum über die Perspektiven der biotechnologischen Forschung im Bereich der Pflanzen- und Tierproduktion. In seiner Eröffnungsrede hob Herr Winnacker hervor, dass die DFG zwar der Finanzierung der Grundlagenforschung verpflichtet sei, ihr jedoch die Verbindung der Forschung zur Anwendung oder Praxis ein zentrales Anliegen sei und für deren Realisierung sie immer wieder neue Wege beschreite. Die Agrarwissenschaft sei per se ein anwendungsorientiertes Fach, dessen Aufgabengebiet sich von der Grundlagenforschung bis hin zur angewandten Forschung mit ausgeprägtem Praxisbezug erstrecke. Gleichzeitig sei sie eine Systemwissenschaft, die eine optimale Vernetzung unterschiedlicher Disziplinen verlange. Biotechnologische Forschung sei gerade für die Agrarwissenschaft zentral, die ja die Nutzpflanze und das Nutztier zum Gegenstand ihrer Forschung mache. Ohne die grüne Biotechnologie sei eine moderne Pflanzenzüchtung heute nicht mehr international wettbewerbsfähig. Wenn die Wettbewerbsfähigkeit des gesamten Agrar- und Ernährungssektors nicht gefährdet werden solle, müssten die politischen Rahmenbedingungen für die grüne Gentechnik dringend verbessert werden [Winnacker].
Herr von dem Bussche betonte, dass das Zukunftsforum eine Plattform sei, auf der Wissenschaft und Praxis gemeinsam die strategische Bedeutung des Agrar- und Ernährungssektor für die Volkswirtschaft herausstellten. Ziel sei eine bessere öffentliche Wertschätzung des Sektors, dessen Wertschöpfungskette mit der Forschung beginne und die beim Verbraucher ende. Daraus ergebe sich notwendigerweise eine Integration von Grundlagen- und angewandter Forschung, wobei eine besondere Herausforderung die Übersetzung der Grundlagenforschung in Innovationen darstelle. Die Agrar- und Ernährungswirtschaft werde weltweit in vielen Ländern als eine der wichtigsten Zukunftsbranchen angesehen und zunehmend auch als strategisch bedeutsame Schlüsselindustrie in der Volkswirtschaft wahrgenommen, da sie wichtige Funktionen erfülle wie zum Beispiel die Sicherstellung einer für alle ausreichenden Ernährung mit besten Qualitätsprodukten, die Lieferung nachwachsender Rohstoffe für die krisenhaft verengten Energiemärkte sowie die Pflege und Gestaltung der Kulturlandschaft [von dem Bussche].
In den anschließenden Impulsreferaten wurden die wissenschaftlichen und ökonomischen Perspektiven der Biotechnologie im Pflanzen- und Tierbereich vorgestellt. Nach den Ausführungen von Herrn Dr. Andreas Büchting (KWS Saat AG, Einbeck) sei die Pflanzenproduktion mit einem Erlös von 8.4 Mrd. €/a ein wichtiger ökonomischer Faktor in der Agrar- bzw. Volkswirtschaft Deutschlands. Derzeit würden weltweit mit steigender Tendenz rund 80 Mio. ha gentechnisch veränderte Sorten angebaut. Daher bestehe in Deutschland dringender Handlungsbedarf der Politik, um Innovationen nicht zu verzögern und den Forschungsstandort Deutschland nicht zu schwächen. Ein gelungenes Beispiel für ein angewandtes Forschungsprogramm sei das deutsche Pflanzengenomprojekt GABI, das vom BMBF und Wirtschaftsverbund WPG gemeinsam finanziert werde und ein Nukleus für die Internationalisierung der Pflanzengenomforschung sei [Büchting Abstract - Präsentation].
Herr Professor Bertram Brenig (Universität Göttingen) hob vor dem Hintergrund der steigenden Weltbevölkerung unter anderem die Notwendigkeit des Einsatzes noch effizienterer Verfahren in der Pflanzen- und Tierproduktion hervor, um die Welternährung langfristig sichern zu können. Dazu bedürfe es des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts in der biotechnologischen Forschung im Tier- und Pflanzenbereich. Beide Sektoren wiesen in vielen Punkten große Gemeinsamkeiten auf [Brenig].
Der Festvortrag von Herrn Professor Jung war dem Thema "Wozu brauchen wir in diesem Lande noch die Züchtungsforschung" gewidmet [Jung].
Frau Dr. Schmitz-Möller (DFG) präsentierte die Auswertung einer von der DFG- und DLG-Geschäftstelle durchgeführten Befragung der Teilnehmer bezüglich ihrer Erwartungen an den Workshop sowie hinsichtlich der Frage, wo sie den größten Handlungsbedarf für die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Praxis sähen und welche Felder in der Biotechnologie sie für besonders geeignet für den Wissenstransfer hielten. Die Befragung habe unter anderem ergeben, dass viele Teilnehmer ein gemeinsames Gesprächsforum für Forschung und Praxis als sinnvoll und notwendig erachteten. Aus Sicht der Praxis bestehe Aufklärungsbedarf durch die Wissenschaft hinsichtlich der Trends, der Möglichkeiten und auch der Kosten-Nutzenanalyse biotechnologischer Forschung. Auch werde von den Praktikern der Wunsch geäußert, dass die Wissenschaft die Bedürfnisse und Erwartungen der Praxis stärker als bislang berücksichtigen möge. Auf Seiten der Wissenschaft wiederum bestehe Aufklärungsbedarf darüber, welche Bedeutung die biotechnologische Forschung für die Praxis habe und wie sie zum Beispiel zur Grünen Gentechnik stehe. Fazit sei, dass die Biotechnologie sowohl in der Pflanzenproduktion wie in der Tierproduktion eine Schlüsseltechnologie sei [Umfrage].
Die AG "Biotechnologie bei Pflanzen" widmete sich schwerpunktmäßig den zukünftigen Forschungsfeldern in der biotechnologischen Forschung für die nachhaltige Produktion, die pflanzliche Qualität und den effizienten Ressourceneinsatz Dabei seien einige Themencluster identifiziert worden, die auch im weiteren Fortgang der gemeinsamen Aktivität von DFG und DLG noch vertieft und konkretisiert werden könnten [Ergebnisse ].
Die AG "Biotechnologie bei Tieren" präsentierte unter anderem einen Überblick über die nationale und internationale Bedeutung des Forschungsgebietes sowie über zukünftige Anforderungen an Wissenschaft und Praxis und an zukünftige Forschungsfelder [Ergebnisse ].
In der Abschlussdiskussion waren sich die Teilnehmer einig, dass die Kommunikation der (für die Praxis relevanten) Ergebnisse aus der Wissenschaft in die Praxis verbessert werden müsse. Es biete sich beispielsweise an, regelmäßig neben der Publikation in einschlägigen Fachzeitschriften eine Zusammenfassung der Forschungsergebnisse in geeigneten, den Praktikern zugänglichen Organen, wie z.B. den DLG-Mitteilungen oder dem Ernährungsdienst zu veröffentlichen. Auch eine geeignete Präsenz im Internet bzw. eine kommentierte Linkliste mit Verweisen auf Forschungsergebnisse im Internet sei in die Kommunikation einzubeziehen. Einigkeit bestand auch darin, dass das Zukunftsforum sei eine sehr Ziel führende Einrichtung sei, um einen engen Dialog zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und praktischen Landwirten zu realisieren. Das Zukunftsforum von DFG und DLG sollte zu einer Institution werden, in der regelmäßig Diskussionen zu Schwerpunktthemen mit herausragenden Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Praxis durchgeführt werden. Dabei sollte die Kommunikation der Inhalte und der Ergebnisse der Diskussion des Zukunftsforums eine möglichst breite Zielgruppe der beteiligten Akteure erreichen. Als Thema für das nächste Zukunftsforum wurde vorgeschlagen: "Die Wertschöpfungskette Lebensmittel - vom Rohstoff zum Produkt". Es soll im Jahr 2006 stattfinden. Die Ergebnisse dieses Workshops werden in einem Thesenpapier sowie in einer Pressemitteilung veröffentlicht, Die Teilnehmer des Workshops erhalten einen umfassenden Dokumentationsband.
Bonn und Frankfurt, 10. Juni 2005 Dr. Patricia Schmitz-Möller (DFG) und Dr. Lothar Hövelmann (DLG)
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