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Veränderungen auf den Futtermittelmärkten

Neue Trends in der Fütterung - Ergebnisse der Braunschweiger DLG-Fütterungsfachtagung

Auf den Futtermittelmärkten finden zurzeit große Veränderungen statt. Die globale Bevölkerungsentwicklung, die wirtschaftliche Entwicklung im osteuropäischen und vor allem im asiatischen Raum sowie das Ansteigen der Ölpreise und in der Folge politische Initiativen zur Förderung von Bioenergie, haben die Nachfrage nach agrarischen Rohstoffen deutlich belebt. Wie Pilze aus dem Boden schießende Anlagen zur Erzeugung von Bioenergie konkurrieren mit der Ernährungs- und Futtermittelwirtschaft um Investitionskapital, Fläche und Rohstoffe wie Getreide, Mais, Zuckerrüben und Raps. Die Preise für Futtermittel-Rohstoffe steigen, die Erzeugungskosten von Futtermitteln insbesondere aufgrund zunehmender Flächenkosten ebenso. Der Verknappung bestimmter Futtermittel steht ein wachsendes Angebot neuer Futtermittel als Nebenerzeugnisse der Bioenergiegewinnung und der Lebensmittelverarbeitung gegenüber, deren Futterqualität in der Einschätzung vielfach noch der näheren Abklärung bedarf. Neben dem Futterwert sind dabei auch die gesundheitliche Unbedenklichkeit und Umweltaspekte zu beachten. Global, national, regional und einzelbetrieblich ist daher neu zu entscheiden, in welchem Umfang organische Rohstoffe als Futtermittel, Lebensmittel, Bioenergiesubstrat oder nachwachsende Rohstoffe für die chemische und pharmazeutische Industrie erzeugt und vermarktet werden sollen und wie dann die Fütterung zu gestalten ist.

Aus Anlass seines 25-jährigen Bestehens hat sich der Arbeitskreis „Futter und Fütterung“ der DLG (Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft) Ende Juni in Braunschweig im Rahmen einer öffentlichen Fachtagung mit diesen Herausforderungen beschäftigt. Dabei standen die Aspekte „Futtermittel - Lebensmittel - Bioenergie - Nachwachsende Rohstoffe und Nachhaltigkeit“ im Mittelpunkt der viel beachteten Vorträge und Diskussionen. Der gemeinsame Blick in die nähere und fernere Zukunft führte zu folgenden Feststellungen, Thesen und Empfehlungen:

Rasante Nachfragesteigerung bei Lebens- und Futtermitteln - Globale Trends
Die Nachfrage nach Lebens- und Futtermitteln wird sich aufgrund des Bevölkerungs- und Einkommenswachstums in den nächsten 25 Jahren verdoppeln (FAO Schätzung). Da sich die Ernährungsgewohnheiten mit zunehmendem Einkommen in Richtung eines höheren Verbrauchs an tierischen Lebensmitteln verändern, wird die Nachfrage nach Milch, Fleisch und Eiern stärker wachsen als die Bevölkerung. Ebenso steigt die Nachfrage nach Energie, jedes Jahr nimmt die Zahl der Käufer von Energie um ca. 200 Mio. Menschen zu. Steigende Energiepreise und eine aktive Klimaschutzpolitik führen in wachsendem Maße zu einer Nachfrage von Agrarrohstoffen zur Bioenergieerzeugung. Die Weltmarktpreise für Agrarrohstoffe und somit auch für Lebens- und Futtermittel werden steigen.

Weltweit wird die Nachfrageentwicklung nach agrarischen Rohstoffen und tierischen Erzeugnissen eine wachsende Flächenproduktivität erzwingen. Stilllegungsflächen passen dabei nicht mehr ins Bild. Allerdings gibt es, insbesondere in den bislang extensiv bewirtschafteten Regionen, potenziell erhebliche Produktivitätsreserven. Eine der größten Herausforderungen wird sein, die Intensivierung der Produktion mit den Anforderungen einer modernen, verantwortungsbewussten und nachhaltigen Wirtschaftsweise in Einklang zu bringen. Da global etwa sieben Mal so viel Nährstoffe in die Nutztierhaltung wie unmittelbar in die menschliche Ernährung fließen, können Verhinderung von Futterverderb, Leistungssteigerungen, bedarfsgerechtere Fütterung, längere Nutzungsphasen und ein standortangepasster partieller Übergang auf Tierhaltungsformen mit höherer Proteineffizienz zu einer deutlich besseren Rohstoffausnutzung führen. Ein weiteres großes Potenzial liegt möglicherweise in der Entwicklung und Anwendung neuer Futterzusatzstoffe zur Verbesserung der Nährstoffverwertung, Gesundheitsförderung und Emissionsminderung sowie mikrobieller Verfahren zum Aufschluss bisher unverdaulicher pflanzlicher Faserstoffe.

Verbrauch und Zusammensetzung des Futters werden sich ändern
Der Verbrauch an Einzelfuttermitteln sowie die Zusammensetzung von Mischfutter werden sich verändern. Diese Entwicklung ist schon in Gang. In den Futterrationen gehen die Anteile an Sojaschrot, Getreide, Pflanzenölen, Maiskleberfutter und Melasse zurück, zugunsten wachsender Anteile an Rapsschrot, Rapskuchen, Trockenschlempen sowie Raffinations- und Destillationsfettsäuren, Glycerin und weiterer Nebenprodukte. Ausmaß und Akzentuierung werden dabei im Wesentlichen von den ernährungsphysiologischen Bedürfnissen der jeweiligen Tierart, den qualitätsbegrenzenden Eigenschaften der jeweiligen Futtermittel und deren Preisen bestimmt. Aufgrund der hohen Nachfrage nach Pflanzenölen für Lebensmittel und technische Zwecke wird die Bedeutung von Presskuchen/Expeller, deren Ölgehalt wirtschaftlich zunehmend interessant wird, langfristig wieder abnehmen. Tapioka wird als Stärke- und Energiesubstitut für Getreide nicht wieder in die europäischen Futtermühlen zurückkehren, da auch in den Erzeugerländern zunehmend auf dessen Basis Bioethanol produziert wird.

Die Nutztierhaltung ist auf große Mengen von Futtergetreide angewiesen
Die neuen Nebenprodukte aus der Bioenergiegewinnung und Lebensmittelverarbeitung werden zwar in steigendem, aber letztlich nur begrenztem Umfang Getreide und Sojaextraktionsschrot ersetzen können, da ihr Futterwert und ihre Akzeptanz beim Nutztier doch deutlich geringer sind. Bei den heute üblichen biologischen Leistungen werden überwiegend Futtermittel mit hoher Energie- und Nährstoffdichte und geringen Qualitätsschwankungen benötigt. Die Nutztierhaltung wird also auch künftig auf große Mengen an Futtergetreide angewiesen sein. Steigende Futtermittelpreise machen Futtermittel als Betriebsmittel wertvoller. In der Konsequenz werden die Qualitätsansprüche an Futtermittel steigen, egal ob Mischfutter oder Einzelfutter. Ihr Einsatz muss noch bedarfsgerechter erfolgen. Andererseits verführen steigende Futtermittelpreise auch dazu, besonders kostengünstig angebotene Futtermittel einzusetzen und damit gegebenenfalls zusätzliche Risiken einzugehen. Damit die Kosten im Griff bleiben, ist Fütterungscontrolling unerlässlich. In der Futtermittelanalytik und Futterbewertung werden dringend Weiterentwicklungen benötigt als Voraussetzung für eine bedarfsgerechte Fütterung. Fütterungsversuche müssen die Eignung neuer Futtermittel und Rationen mit absichern.
Neue Futtermittel müssen auch auf ihre Unbedenklichkeit hin überprüft werden. Dazu gehört eine „Durchleuchtung“ des Herstellungsprozesses einschließlich der verwendeten Rohwaren ebenso wie die Berwertung möglicher unerwünschter Stoffe hinsichtlich ihres Carry-over-Verhaltens und einer möglichen Akkumulation in tierischen Erzeugnissen sowie der Umwelt Das in den letzten Jahren erreichte hohe Qualitätsniveau bei Futtermitteln im Hinblick auf den Verbraucherschutz darf nicht gefährdet werden, sondern muss durch im Rahmen von Gefahren- und Nutzenabwägungen organisierten Monitorings und geeigneten Maßnahmen zur Rückverfolgbarkeit gesichert werden. Die fortschreitende Globalisierung des Futtermittelhandels birgt zusätzliche Risiken.
Vom geernteten pflanzlichen Aufwuchs landet in Deutschland der größte Teil (bei Körnerfrüchten ca. 70 Prozent) im Futtertrog. Abgesehen vom Futterbau, gibt es dennoch kaum eine gezielte Berücksichtigung der Ansprüche des Tierhalters bei der Züchtung und dem Anbau solcher Kulturpflanzen. Ähnliches gilt für die Verarbeitung zum Zweck der Lebensmittel- oder Bioenergiegewinnung. Das verständliche Bestreben, die Rohstoffe bestmöglich auszubeuten, hinterlässt immer häufiger Nebenprodukte, die als Futtermittel für einen hochleistenden, wertvollen Tierbestand wenig geeignet sind und ausgeglichene Nährstoffbilanzen eher erschweren. Eine mit hohen gesellschaftlichen Ansprüchen versehene Nutztierhaltung darf aber nicht als Entsorgungsbranche missverstanden werden.

Die Futterkosten steigen
Auf den Standort Deutschland bezogen gehen insbesondere in Veredelungsregionen, soweit umweltpolitisch zugelassen, der Grünlandanteil und die Brachflächen zurück. Im Ackerbau nehmen der Getreide-, Mais- und Rapsanbau zu. Die Futterkosten steigen und zwar sowohl nachfragebedingt bei den wichtigsten Handelsfuttermitteln als auch durch höhere Flächen- und Bewirtschaftungskosten bedingt bei den wirtschaftseigenen Futtermitteln. Lediglich verstärkt auf den Markt drängende Nebenprodukte werden Kostensenkungseffekte ermöglichen. Der Pachtpreis hängt am Getreidepreis und dieser vorrangig am Energiepreis. Höhere Flächenkosten treten somit vor allem im Ackerbau auf, wodurch in der Rinderhaltung Weidefutter und Grassilage gegenüber Maissilage an Wettbewerbskraft gewinnen. Der einzelbetriebliche Flächenbedarf wächst aus Gründen der Verpflichtung zur ordnungsgemäßen Nährstoffbilanzierung sowie aus Vorsorge gegen Ertragsausfälle oder für künftige Betriebserweiterungen zur Einkommenssteigerung ebenso wie aus steuerlichen Gründen . Gegensteuern lässt sich mit betriebsstrategischen Entscheidungen, z.B. mit Gülleabnahmevereinbarungen oder Kooperationen, mit denen die Faktorausnutzung und damit auch der Flächenbedarf gesenkt werden können. Schon heute wird der Flächenbedarf vielfach von der Düngeverordnung und nicht vom Futterbedarf her bestimmt. Da in Zukunft von weiteren Leistungs- und Ertragssteigerungen ausgegangen werden kann, wird der Flächenbedarf für die Erzeugung von einem Kilogramm erzeugter Milch oder erzeugtem Fleisch zwar etwas zurückgehen, dies wird sich aber auf den Flächenbedarf nach Düngeverordnung wenig auswirken. Die Versiegelung von Flächen sowie der Bedarf an Ausgleichsflächen tragen ebenfalls zur Verknappung von Flächen bei.

Anpassungsstrategien in der Rinderhaltung
Die strukturellen Veränderungen hin zu größeren Herden und Milch- Aufzucht- und Mastleistungen werden sich nahezu unverändert fortsetzen. Im Vordergrund stehen das Ausfüttern des genetischen Leistungsvermögens bei vertretbaren Futterkosten und guter Tiergesundheit (wiederkäuergerechte Fütterung). Das Verhältnis von Gras- und Maissilageanteilen in der Futterration ist an die Kostenentwicklung anzupassen. Qualitative Verbesserungen der Grünlandbestände, der Futterernte und -bergung sowie des Siliermanagements werden rentabler. Der Übergang auf mehr Weide kann zwar Futterkosten sparen, ist in der Regel aber gegenüber einer TMR-Fütterung mit einem Absinken der Futteraufnahme verbunden und bringt häufig arbeitswirtschaftliche Probleme mit sich. Der Einsatz neuer stationärer Futtermischer kann die Arbeits- und Stallbaukosten senken und die Fütterung von Leistungsgruppen verbessern, hat jedoch auch Nachteile bei der Verwirklichung von Um- oder Erweiterungsbauten. Betriebliches Wachstum als Maßnahme zur Kostensenkung sollte nur gut geplant und organisiert stattfinden. Ein produktionsbegleitendes Gesamtcontrolling des Betriebszweiges sollte zur Routine werden.

Anpassungsstrategien in der Schweinehaltung
Auch in der Schweinehaltung werden die biologischen Leistungen weiter steigen. Während sich die täglichen Zunahmen in der Mast, die Aufzuchtleistung im Ferkelerzeugerbetrieb und die Futterverwertung im Durchschnitt noch verbessern werden, sollte das derzeitige Niveau bei den Magerfleischanteilen nicht weiter nach oben geschraubt werden. Die neuen wissenschaftlich abgeleiteten Versorgungsempfehlungen der GfE decken die in der Praxis in den nächsten Jahren zu erwartenden Leistungssteigerungen ab und enthalten genügend Versorgungsreserve. Die praktische Umsetzung steht jedoch noch bevor. Rapsprodukte und Körnerleguminosen werden Sojaschrot und Getreide in gewissem Umfang ersetzen. Dabei ist die ausreichende Versorgung mit Aminosäuren zu beachten, insbesondere wenn auch noch Trockenschlempen mit verfüttert werden. Beim Einsatz von Nebenprodukten mit stark schwankenden Inhaltsstoffen sollten Schweinehalter auf eine aussagefähige Kennzeichnung Wert legen. Der verstärkte Einsatz von mineralstoff- , insbesondere von  phosphorreichen Nebenprodukten wird Konsequenzen für den Mineralfuttereinsatz haben. Auf eine Phosphorüberfrachtung der Rationen ist besonders aus Umweltgründen zu achten. Aus diesem Grund wird auch der Flächenbedarf in den Schweinehaltungbetrieben kaum zurückgehen. Die besser bedarfsangepasste mehrphasige Fütterung sowie die Flüssigfütterung werden zunehmen. Neue technische Entwicklungen, wie zum Beispiel die tierindividuelle Sensorfütterung und der mobile NIRS-Futtermittel-Check werden die bedarfsorientierte Nährstoffversorgung verbessern.

Anpassungsstrategien in der Geflügelhaltung
Der größte Teil der Legehennenhaltung, der Hähnchen- und der Putenmast ist straff organisiert und strikt auf Leistung orientiert. Die Lege- und Mastleistungen sowie die Futterverwertung sind bereits heute auf einem sehr hohen Niveau. Dies erfordert einen hohen Energiegehalt in den Rationen, der wiederum relativ hohe Stärke- und Fettgehalte verlangt. Während bei der Proteinversorgung Sojaschrot durch Rapsschrot in beachtlichem Umfang ersetzt werden kann (Ausnahme bei braunen Legehennen älterer Genetik), sind dem Austausch von Körnermais und Getreide engere Grenzen gesetzt. Glycerin lässt sich einsetzen, wird aber energetisch gegenwärtig nicht korrekt erfasst. Möglicherweise wird die Produktionsintensität aus ökonomischen Gründen (Einsatz kostengünstiger Nebenprodukte) zunächst nicht weiter gesteigert oder sogar etwas zurückgefahren. Dies setzt jedoch voraus, dass der Betrieb bei Aufrechterhaltung des bisherigen Produktionsvolumens über ausreichend Fläche zur Ausbringung der Nährstoffausscheidungen oder über Abgabemöglichkeiten verfügt.

Allianzen für Futtermittelqualität sowie hohe Leistung bei guter Tiergesundheit
Nutztierhalter und Futtermittelindustrie sollten sich in gemeinsamer Anstrengung dafür einsetzen, dass trotz des Bioenergiebooms auch in Zukunft Futtermittel  in  ausreichender Qualität und Menge gezielt produziert und zu vertretbaren Preisen angeboten werden. Nur dann kann die hoch entwickelte Nutztierhaltung in Deutschland weiter betrieben werden und wandert nicht ab. Ihre Zukunft wird auch davon abhängen, wie erfolgreich die Tierernährungsforschung, Veterinärmedizin, Futtermittelkunde und Futtermittelanalytik drängende Fragen aus der Praxis aufgreifen und beantworten sowie mit Innovationen befruchten. Dabei zeichnet sich ab, dass Stoffwechselgeschehen, Futterwert und Umweltwirkungen der Nutztiere wieder an Bedeutung gegenüber dem in den vergangenen Jahren dominierenden Thema Verbraucherschutz gewinnen werden.

  • Die von den Referenten auf der DLG-Fachtagung in Braunschweig vorgestellten Präsentationen sowie eine Zusammenfassung können im Internet unter www.DLG.org/Fuetterung eingesehen werden.
 
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