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DLG-Präsident Bartmer fordert Potenzialoffensive in der Landwirtschaft

Strategiewechsel erforderlich - Knappheiten durch ungenutzte Potenziale - Fünf-Punkteprogramm der DLG

Um die zunehmenden Knappheiten auf den agrarischen Rohstoffmärkten zu überwinden, ist nach Ansicht des Präsidenten der DLG (Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft) Carl-Albrecht Bartmer ein Strategiewechsel mit einer Potenzialoffensive in der Landwirt-schaft erforderlich. Anlässlich des DLG-Branchengesprächs Agrar am 3. September 2007 in Frankfurt am Main forderte Bartmer vor der Presse dazu auf, angesichts der dramatisch gesunkenen Weltgetreidevorräte, die vorhandenen und die bisher verschenkten Potenziale der Agrarstandorte sowie das Know-how der Agrarunternehmer und Ingenieure konsequent zu nutzen. „Die sich abzeichnenden Versorgungsengpässe sind selbst gemacht, weil wir viel zu lange an Konzepten, wie zum Beispiel „Klasse statt Masse“ und Extensivierung der Produktion, festgehalten haben, erklärte der DLG-Präsident.

In den letzten zehn Jahren sei es nur zwei Mal gelungen, dem weltweiten Verbrauch an Getreide eine ausreichende Ernte entgegen zu setzen. Nach Schätzungen des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums würden die Vorräte gerade noch für 50 Tage ausreichen. „Seit zehn Jahren nimmt der Getreidevorrat im Durchschnitt um eine Tonne pro Sekunde ab. Hier tickt eine imaginäre Schuldenuhr, die unsere Unfähigkeit symbolisiert, die Welt ausreichend mit Nahrungsmitteln zu versorgen“, verdeutlichte Bartmer. Diese Uhr erfahre in den letzten zwei Jahren eine weitere Beschleunigung, weil politische Unsicherheiten im Osten und mittleren Osten führende Industrienationen über eigene, alternative Energieerzeugungsmöglichkeiten nachdenken lassen. Allein in den USA würden 86 Mio. to Mais in 2007/2008 zu Bioethanol verarbeitet. Das entspreche der doppelten EU-Ernte und einer Zunahme um 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Für die Politik und die Agrarbranche sieht der DLG-Präsident großen Handlungsbedarf. Seiner Ansicht nach lassen sich die Knappheiten mit folgenden fünf Punkten überwinden:

1. Wir brauchen „Klasse und Masse!“

Wir brauchen „Klasse und Masse“! Mit nicht mehr zeitgemäßen Politikkonzepten bezahlen wir über die 2. Säule der EU mit Steuergeldern Landwirte, damit sie die Erkenntnisse eines Justus von Liebig, eines Albrecht Thaer oder eines Gregor Mendel nicht nutzen, und somit den knappsten aller Faktoren, den Boden, nicht effizient bewirtschaften. Allein 2006 wendete die EU dafür 2,3 Mrd. € auf, und die nationalen Haushalte finanzieren eifrig mit. Es geht darum, bei begrenzten und endlichen Ressourcen nachhaltig hochqualitative Agrarrohstoffe in maximalem Umfang zu produzieren. Dies gilt in der Tierhaltung gleichermaßen. Unter Berücksichtigung von Umwelt- und Tierschutz müssen wir die Produktivität, also die Ressourceneffizienz pro erzeugte Einheit, steigern. Inzwischen ist es Allgemeingut, dass die Milchquote ein Anachronismus ist. Aber jetzt noch bei der Abschaffung - im Interesse der Quotenbesitzer - zeitlich zu bremsen, ist angesichts der Chancen auf den Milchmärkten und ungenutzter Ressourcen in den Ställen unverantwortlich. Auch die Bioenergieerzeugung muss sich den Kriterien der Ressourceneffizienz stellen, von der Erzeugung der Ag-rarrohstoffe bis zur Technik für die Energiekonversion. Nicht der Ruf nach dem Staat, sondern beste innovative Technik, gepaart mit einem optimierten Management, führen zu den höchsten Wirkungsgraden. Das sind die Kriterien, an denen die Zukunftsfähigkeit dieser jungen Branche zu prüfen ist.

2. Hemmnisse für Innovationen beseitigen

Wir brauchen Innovationen. Diese verlangen auch eine innere Bereitschaft, veränderte Rahmenbedingungen als Chancen wahrzunehmen. Es gibt keine bahnbrechenden Innovationen, wenn diese in die Studierzimmer der Hochschulen verbannt werden, aber ihnen die Bewährung auf den Märkten vorenthalten wird (Biotechnologie). Neben Umwelt, Naturschutz und vorsorgendem Verbraucherschutz muss die Ressourcenknappheit auch bei Agrarprodukten mit ins Kalkül gezogen werden. Hier sind Konsumenten schon viel weiter als einige vermeintlich fürsorgende Volksvertreter. Deshalb sind Politik und Gesellschaft gefordert, innovationsfreundliche Rahmenbedingungen zu schaffen und rückwärtsgewandte Subsistenzethiker mit ihren schwachen Argumenten zu entlarven. Das ist auch ein Gebot globaler Verantwortung. Eine Verteuerung von Agrarprodukten durch willkürliche Verknappung trifft wohlhabende Haushalte in Industrieländern kaum, sehr wohl aber Haushalte am Existenzminimum der südlichen Erdhalbkugel. Innovationen im Bereich Technik, Biotechnologie, Management und Züchtung sind mehr denn je gefragt. Der Wirkungsgrad vieler Innovationen muss an den neuen gesellschaftlichen Notwendigkeiten und Indikatoren gemessen werden. Nachhaltigkeit, Effektivität und Effizienz sind wesentliche Anforderungen, die an Innovationen gestellt werden müssen, um alle Potenziale zu heben.

3. Landwirtschaft ist Zukunftswissenschaft!

Ein breit angelegtes und hoch effektives Forschungswesen hat Deutschland in die heutige hervorragende Wettbewerbsposition gebracht. In den letzten Jahren ist hier für den Agrarbereich ein ungezieltes aber faktisches „Herunterfahren“ vorgenommen worden. Unbesetzte Lehrstühle, Mittelknappheit und problematische Forschungsausrichtung drohen den „Agrarbrain“ auszutrocknen, der im Moment eigentlich mit höchster Intensität Zukunftsfragen bearbeiten müsste. Der Erfolg unserer Systeme ist auch ein Erfolg der Köpfe und Innovationen, die aus einer unabhängigen Forschung kommen. In einem Land, wo mit Vordenkern wie Liebig, Thünen und Eyth Visionäre einer innovativen Landwirtschaft beheimatet sind, muss nicht nur aus der gesellschaftlichen Anforderung, sondern aus der Erkenntnis über die strategische Schlüsselwissenschaft der kommenden 100 Jahre, in eine effiziente und effektive Agrarforschung investiert werden, öffentlich wie privat.

4. Alle Ressourcen nutzen - Rahmenbedingungen zur Ausschöpfung der Potenziale schaffen

Bisherige Paradigmen müssen über Bord geworfen werden. Dass eine Gesellschaft es sich leistet, Flächenstilllegung im großen Stil zu betreiben, während die Knappheit bei Agrarrohstoffen schon die Inflation steigen lässt, ist nicht mehr zu verantworten. In Deutschland werden täglich deutlich über 100 ha Agrarfläche für Siedlungsbau, Gewerbegebiete und Straßen dauerhaft aus der Produktion genommen, während viele Städte händeringend nach Lösungen für wachsende Industriebrachen suchen. Ökologische Ausgleichsmaßnahmen für Versiegelungen von Boden werden bevorzugt ebenfalls auf Agrarflächen platziert, auf denen dann statt Weizen Trockenrasen- oder Feuchtbiotope entstehen. Dieser Abwägungsprozess zur gesellschaftlich optimalen Flächennutzung läuft unter neuen Rahmenbedingungen in die verkehrte Richtung und verlangt eine dringende Korrektur. Er offenbart übrigens auch die gespaltene Wahrnehmung globaler Verantwortung. Während man sicher berechtigt die Rodung von Urwäldern in Südamerika kritisiert, werden bei uns jedes Jahr über 0,2 Prozent der Agrarflächen versiegelt oder dauerhaft der Nutzung entzogen.

5.  Deutschlands Innovationsführerschaft stärken!

Die mittelständische Struktur und verantwortungsvolles Unternehmertum sind Erfolgsfaktoren für die Wettbewerbskraft der Agrar- und Ernährungswirtschaft. Wir sind weltweit Technologieführer, insbesondere in der Landtechnik und aktuell im Bereich der Bioenergienutzung. Die Zukunft wird neue Anforderungen bringen, insbesondere die globalen Herausforderungen Bevölkerungswachstum und Klimawandel. Wir brauchen Rahmenbedingungen, in denen Unternehmer Freiheit zum verantwortungsvollen Wirtschaften erhalten, statt sich mit staatlichen Markteingriffen, Bürokratie und dafür gewährten Honorierungen zu beschäftigen. Wir haben die innovativen Köpfe, die das Agribusiness am Standort Deutschland zu einer Zukunftswerkstatt für die globale Agrarwirtschaft machen können. Wir brauchen die Chance eines „freedom to farm“, dann werden wir ungenutzte Potenziale heben und morgen in den Erntepressekonferenzen nicht Knappheiten verkünden, sondern stolz berichten, dass wir die neuen Herausforderungen beherrschen.

 
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