DLG e.V. - Rede Carl-Albrecht Bartmer zu den DLG-Unternehmertagen 2016 in Oldenburg

Carl-Albrecht Bartmer anlässlich der DLG-Unternehmertage am 1. September 2016 in Oldenburg "Handlungsfähig in der Krise - Unternehmen stabilisieren, Zukunft sichern"

Herzlich willkommen zu den DLG-Unternehmertagen 2016 in Oldenburg! Wir treffen uns das erste Mal im neuen Unternehmertage-Format, straffer, kommunikationsorientierter, dabei Themen, die uns aktuell unternehmerisch herausfordern. Ich vermute, Ihnen geht es in den langen Stunden auf dem Mähdrescher, bei der Bodenbearbeitung wie mir: Die Gedanken kreisen um die Ernte, um das, was gut gelungen ist oder weniger gut. Eine Idee blitzt auf, was man besser machen kann, man denkt über Märkte nach. Der Deutschlandfunk, Meldungen zur Landwirtschaft, zur globalen Wirtschafts- und Sicherheitspolitik, alles irgendwie eng mit unserer Unternehmerexistenz verbunden, nicht immer beglückend, gerade wenn es um Landwirtschaft geht. Was möchte ich sagen, wie bei Robinson auf der Insel steigt unser kommunikatives Austauschbedürfnis, und es sind die Unternehmertage, Gleichgesinnte, die Besten der Branche, wo die Debatten nur so sprudeln.

Deshalb treffen wir uns zum Monatswechsel August/September, sicherlich in einer Zeit hoher Nutzungskosten, deshalb auch kurz und komprimiert, aber es gilt, für den Herbst und die anlaufende Produktionsperiode wichtige Entscheidungen zu treffen, zu denen Sie, da bin ich sicher, hier in Oldenburg wichtige Impulse erhalten.

Oldenburg ist ein ausgezeichneter Ort für landwirtschaftliche Unternehmer, dieser Landstrich, bekannt für seine leistungsfähige Landwirtschaft – trotz oder vielmehr gerade weil wir hier nicht die begnadeten Ackerbaustandorte finden. Geest, Flugsand, stauender Gley, Moore und Wälder, viel Regen zum falschen Zeitpunkt. Rahmenbedingungen, die in der Geschichte immer wieder Landwirtschaft herausforderten. Wer nicht selber angefasst, wer nicht seine Phantasie beflügelt hat, aus dem konnte wenig werden. Gerade deshalb sehen wir hier einen bestimmten Menschenschlag: Eine Kombination aus erdverbundener Tradition und neugieriger Weltläufigkeit, ein Landstrich, in dem Menschen auf persönlichen Fleiß so sehr bauen wie auf ihr kaufmännisches Geschick.

Im Oldenburger Land wird – wie nahezu überall in Deutschland – nicht nur für den heimischen Markt produziert. Der Blick der Exporteure geht in diesen Tagen in europäische Nachbarstaaten, in die weite Welt. Überall sehen wir gedrückte Preise für fast alle Agrarerzeugnisse – trotz einer unterdurchschnittlichen, in einigen Regionen dramatisch eingebrochenen Ernte in Deutschland und Teilen Europas. Vielerorts ernüchtert war der Blick in den Korntank, auch auf Protein und Hektolitergewicht, nachdem sich zuvor die Bestände so vielversprechend präsentierten.

Jetzt wird die Luft nicht nur für die Milchproduktion, sondern auch im Ackerbau dünner - Preise, die man selbst in dunkelsten Momenten nicht für möglich gehalten hatte, sind heute Tatsache, ohne die Perspektive kurzfristiger Änderung. War es das mit innovativen Landwirten, mit Vermarktungsprofis, die sich auf wachsende globale Märkte ausgerichtet haben? Wo sind sie, die Chancen weltweit vernetzter Handelsströme? Erleben wir das, was die Apologeten regionaler Stoffkreisläufe schon immer wussten? Scheitert eine moderne Landwirtschaft, immer wieder – und wenn noch so falsch – als Agroindustrie apostrophiert? Geht es jetzt doch nur mit einem New Deal, einem neuen Kontrakt mit dem Staat, der Märkte saniert, Produktion und Struktur organisiert?

Meine Damen und Herren, liebe DLG-Mitglieder, wir sind auf den Unternehmertagen! Ein ehrlicher Blick in die jüngste Agrargeschichte beweist: Er, der Staat, kann es gar nicht, was er – auch wohlmeinend - verspricht. Markthilfen sind Tropfen auf dem in der Augustsonne glühenden Stein. Vorstellungen von staatlich honorierten kleinen Ställen und idealisierten regionalen Produktionssystemen sind so lange Psychologie oder „weiße Salbe“, wie dahinter keine ausreichend kaufkräftige Nachfrage steht. Und die ist bei allem Respekt eine Entscheidung souveräner Verbraucher. Statt Verbraucherschelte sollten wir deren Konsumverhalten bitte genauso respektieren, wie wir vollkommen selbstverständlich ihre politischen Entscheidungen bei Wahlen oder allgegenwärtigen Referenden akzeptieren. Verbraucherschelte ist wohlfeil, aber sie geht gar nicht, und sie ist auch von Seiten der Landwirtschaft nicht ehrlich! Hier entsteht keine Handlungsfähigkeit in der Krise. Ein Unternehmer ruft nicht nach besseren Preisen, sondern fragt nach den Ursachen und arbeitet an seiner Wettbewerbsfähigkeit.

Was ist passiert auf den Agrarmärkten? Die guten Jahre mit hohen Agrarpreisen gab es nicht nur bei uns. Auch an vergleichsweise marginalen Standorten in aller Welt haben sie Investitionen ausgelöst – in verbessertes Saatgut, Pflanzenschutz, leistungsfähigere Technik, auch in eine effizientere Infrastruktur. Vielleicht haben wir die Möglichkeiten unterschätzt, mit denen von Osteuropa über Asien bis zum amerikanischen Kontinent Potenziale gehoben werden konnten.

Gefallene Agrarpreise heute lösen natürlich für die immer noch marktfernen Standorte einen gegenteiligen Impuls aus. Preisverfall trifft sie schwerer, das Marktpendel schlägt zurück, und weltweit wird ein Zyklus wider stabiler Marktpreise eingeleitet.

Auch wenn der Trend einer dynamisch steigenden Nachfrage durch eine wachsende und wohlhabendere Gesellschaft ungebrochen ist, war es naiv, deswegen das Ende aller „Schweinezyklen“ zu erwarten. Und wir tun gut daran, diese Märkte als die unseren zu begreifen. Sie reichen wegen abgebauten Zollschutzes bis vor unsere Hoftore, und das ist auch gut so! Schließlich sollten wir nicht vergessen, dass trotz Russlandembargo und abgeschwächter Nachfrage aus China Agrarexporte zugenommen haben. Globaler Agrarhandel trägt zu 25 Prozent unseres Umsatzes bei – soweit zu den Freunden regional geschlossener Stoffkreisläufe!

Warum sind wir im Export so erfolgreich? Weil wir im gesamten Wertschöpfungsprozess von der Urproduktion bis zum Endprodukt wettbewerbsfähig sind. Wettbewerbsfähig sind wir so lange, wie unsere Stückkosten niedriger sind als die Produktpreise. Und wenn diese Produktpreise auf tiefe Niveaus fallen, dann liegt genau bei den Stückkosten unsere Herausforderung. Handlungsfähigkeit in der Krise erziele ich durch den Erhalt von Wettbewerbsfähigkeit, und das ist zunächst unsere ureigene Unternehmeraufgabe.

Strikte Kostendisziplin ist angesagt, die im einen oder anderen Fall in der Hochpreisphase aus den Augen geraten ist. Nach mitunter zu euphorisch gedeuteten Marktsignalen sollte nun eine Phase sinnvoller Konsolidierung eingeleitet werden. Diese ist für manchen Betrieb umso herausfordernder, wenn Investitionen in Land, in Stallplätze, in neue Technik angeschoben wurden, die heute als häufig fixe Kosten die Liquidität belasten.

Noch wichtiger als Sparsamkeit ist der Blick auf unsere Prozesse. Hier können immer Ressourcen identifiziert und Potenziale gehoben werden. Wirtschaftlicher Erfolg, sei es durch niedrige Kosten oder hohe naturale Erträge, entsteht in den Köpfen, in der produktionstechnischen Finesse eines eng in die Prozesse involvierten Unternehmers. In seinem Kopf, in seiner Einschätzung über das Wohl seiner Pflanzen, seiner Tiere, vermag er erst die vielen kleinen Stellschrauben des Erfolges zu identifizieren. Innovative Neugierde und Adaptionsfähigkeit, weil Fortschritt und neue Erkenntnisse ständig die Rahmenbedingungen des eigenen Betriebes ändern, sind dabei Schlüsselfähigkeiten. Diese gilt es voll zu entfalten, um die Wettbewerbsfähigkeit auch in Tiefpreisphasen zu sichern.

Liebe Berufskollegen, das ist mühsam, aber eigentlich auch befriedigend. Denn gestern konnte auch der erfolgreich sein, der Bodennutzungsrechte, der Stallplätze als claim für wirtschaftlichen Erfolg hinzuerwerben konnte. Das hat nicht unbedingt die landwirtschaftlichen Experten gefördert, sondern eher die mit „dickem Portemonnaie“, auch den einen oder anderen Nicht-Landwirt. Deren Träume von einem Erfolgsautomatismus Agrarinvest sind zerstoben, mit Konsequenzen, über die wir in der Wirtschaftspresse lesen können.

Es geht stattdessen um Wissen und Können, um Fleiß und Anstrengung, um perfekte Vernetzung mit den Besten in der Branche. Und genau deshalb treffen wir uns hier in Oldenburg: Um Ideen auszutauschen, Einschätzungen, um letztlich inspiriert den einen oder anderen Gedanken von der Produktion bis zur Vermarktung im eigenen Betrieb umzusetzen. Ich freue mich, dass wir ausgewiesene Experten, Praktiker in großen und weniger großen Betrieben, gewinnen konnten, genau diesen Ideenaustausch anzufachen.

Bei allem Streben nach Kostenführerschaft bei Standardprodukten (Commodities), die wir üblicherweise herstellen, dürfen wir heute durchaus die Frage aufwerfen, ob dies für alle Produkte und alle Märkte der einzig mögliche Zukunftspfad ist. Sowohl auf nationaler als auch internationaler Ebene sind steigende, mitunter komplexe Ansprüche an landwirtschaftliche Erzeugnisse zu beobachten – angefangen bei der Qualität, der Liefersicherheit bis hin zu Anforderungen hinsichtlich Nachhaltigkeit und ethischen Aspekten wie Tierwohl. Eine damit einhergehende steigende Differenzierung der Endprodukte stellt das bisherige Konzept einheitlicher Standardproduktion auf den Prüfstand und erfordert eine engere Abstimmung und Organisation innerhalb einer Wertschöpfungskette.

Marktbeziehungen werden exklusiver, Akteure professioneller, Ausgangsinvestitionen höher: In Stallsysteme, die beispielsweise tierwohlbezogenen Anforderungen besser gerecht werden, in ein effizientes Lieferanten- und Dienstleistungsgeflecht, bei Ackerkulturen in Produktionssysteme, die auf den Einsatz bestimmter Pflanzenschutzmittel verzichten, in Lagerung, in erste Verarbeitungsschritte. Insbesondere fehlendes oder nicht ausreichend ausgefeiltes Prozess-Know-how kann sich als Markteintrittsbarriere erweisen. Die Etablierung von Marken ist eine Aufgabe von Wertschöpfungsketten. Daran krankt zur Zeit die Milch, aber auch in der Veredelung, auch im Ackerbau geht mehr. Wir brauchen
hierfür einen wichtigen Teil unserer unternehmerischen Aufmerksamkeit.

Wir sollten an der fairen Verteilung der Wertschöpfungsanteile innerhalb der Kette mitwirken. Fairness hat viel mit unserem USP zu tun, unserer möglichen Austauschbarkeit in der Kette. Da müssen wir uns einmalig machen, das gilt für Landwirte nicht anders als bei Automobilzulieferern. Am Ende sind wir mit unserer Kreativität in der Kette Innovationspartner. So könnten wir im Sektor breitere, differenzierte Produktpaletten etablieren, die kaufkräftigere Nachfrage finden. Dann wäre hier der Ort, unternehmerische Freiheit zielgerichtet zu entwickeln, statt nur den freien Bauern auf freier Scholle bei Prozess und Absatz zu postulieren. Meine Damen und Herren, ja, ich bin nicht so blauäugig, zu glauben, dass dies ein Selbstläufer ist, aber zeitgemäß sind die Zusatzleistungen von Wertschöpfungsketten allemal. Sie können Türöffner zur Erschließung neuer, kaufkräftiger Märkte sein.

Handlungsfähigkeit in der Krise setzt Wettbewerbsfähigkeit voraus, eine ureigene Unternehmeraufgabe, die aber auch mit staatlichem Handeln zu tun hat. Da geht es um Marktzugang, schulmäßig im Rahmen von WTO-Regeln gegeben, in Wirklichkeit ein Berg von nicht-tarifären Handelshemmnissen. Hier kann die Administration tatsächlich erfolgreich unterstützen (Veterinärabkommen etc.).

Nicht zuletzt hängt die Wettbewerbsfähigkeit auch von nationalem und europäischem Ordnungs- und Zulassungsrecht ab. Es ist eine Binsenweisheit, die trotzdem gern übersehen wird, dass ein im globalen Wettbewerb stehender Sektor ebendiese Wettbewerbsfähigkeit verliert, wenn die Grenze der Machbarkeit nicht sensibel beachtet wird. Damit verbindet sich allerdings kein Blankoscheck für die Landwirtschaft. Politische Vorhaben, wie die Novellierung der Düngeverordnung, sind nicht nur Ausfluss eines Vertragsverletzungsverfahrens der EU. Zu großen Teilen sind sie auch ein Ergebnis öffentlichen Unbehagens darüber, wie die moderne Landwirtschaft produziert.

Unternehmerische Gestaltungsfreiheit muss verdient werden. Sie wird von der Gesellschaft dann delegiert, wenn ein Sektor vermittelt, dass er mit dieser Freiheit, mit den ihm übertragenen natürlichen Ressourcen verantwortungsvoll umgeht. Das verlangt immer wieder, sich aufmerksam den eigenen Defiziten zu stellen, sie schon im Ansatz zu vermeiden, auch wenn ökonomische Zwänge möglicherweise Auswege versperren. Nährstoffüberschüsse, tiergesundheitliche Probleme, enge Fruchtfolgen mit Resistenzen, Krankheiten sind letztlich auch das Ergebnis einer zu starken Fokussierung auf Ertrag und Leistung.
Erfolgreich Unternehmer sein, bedeutet, den eingeschlagenen Pfad immer wieder kritisch zu reflektieren, immer wieder Korrekturen vorzunehmen, wenn die Handlungsoptionen zu eng werden.

Erfolgreich Unternehmer sein heißt auch, geänderte Anforderungen aus der Gesellschaft in die betriebsindividuellen strategischen Überlegungen einzubeziehen. Das wird gerade nicht mit idealisierten Verfahren der Vergangenheit gelingen, sondern verlangt nach allen Formen von Innovationen: biologischen, technischen, elektronischen, chemischen und organisatorischen.

An diesen Lösungen müssen wir als Experten selbst arbeiten, die kritischen Themen in unseren Prozessen selbst reflektieren. Wir müssen gesellschaftliches Vertrauen gewinnen durch unser Handeln, ja, auch, indem wir über fortschrittliche Verfahren mit der Gesellschaft auf Augenhöhe, attraktiv sprechen. Wir müssen erklären, wo es Zielkonflikte gibt. Wenn morgen neue Auflagen gern 200 bis 300 Euro je Hektar kosten können, ist es einfachstes unternehmerisches Einmaleins, persönliche Ressourcen in diese Aufgabe zu investieren, zeitliche und finanzielle.

Den zu beobachtenden Trend in der öffentlichen Meinungsbildung, die Banalisierung und Skandalisierung komplexer Themen zu einfachen Botschaften, bar jedes wissenschaftlich-fachlichen Fundaments mögen wir beklagen, umkehren werden wir ihn nur schwer. Umso mehr gewinnt eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit (Forum Moderne Landwirtschaft) an Bedeutung, deren Erfolg auch der finanziellen Unterstützung von Landwirten bedarf. Das ist eine Frage des klugen Kalküls, es ist aber auch eine Frage der Ehre, nämlich statt auf dem Trittbrett am Steuerknüppel zu sitzen.

Meine Damen und Herren, Krisenzeiten sind Unternehmerzeiten, klärende Zeiten. Die momentane Marktkrise lässt sich ebenso wenig leugnen, wie der mangelhafte Dialog mit der Gesellschaft und das eine oder andere an seine Grenzen geratene Produktionssystem. Mit offenem Visier, mit der klaren Fokussierung auf die wirklichen Herausforderungen ergeben sich unsere Handlungsräume. Darin lassen Sie uns unsere Unternehmen stabilisieren und die Zukunft sichern. Tatkraft und Mut werden uns dazu auch Chancen offenbaren.

Ich danke unseren profunden Referenten und möchte nun Sie, sehr geehrter Herr Minister Meyer, um Ihre Ansprache bitten.

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