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Nutztierhaltung: Ernsthafte Debatte um Ausrichtung erforderlich

Fachleute aus Wissenschaft, Industrie, Beratung und landwirtschaftlicher Praxis diskutierten auf dem DLG-Kolloquium am 2. Dezember 2015 in Berlin über die vielfältigen Herausforderungen

(DLG). „Die Landwirte haben in einem demokratischen System langfristig nur dort eine Berechtigung, wo sie gesellschaftliche Erwartungen erfüllen, wo sie die nachhaltige Nutzung knapper Ressourcen und den verantwortungsvollen Umgang mit ihren Nutztieren nachweisen können.“ Dies erklärte DLG-Präsident Carl-Albrecht Bartmer auf dem DLG-Kolloquium „Zukunft Nutztierhaltung: Was jetzt zu tun ist!“ am 2. Dezember 2015 in Berlin. Daher hält er angesichts der zunehmenden Kritik an der modernen Nutztierhaltung eine ernsthafte Debatte um die zukünftige Ausrichtung für erforderlich. Hilfreich bei dieser Diskussion sind seiner Meinung nach wirksame, praxistaugliche Indikatoren zur Erfassung des Tierwohls als Fundament für eine aussagekräftige Beschreibung der Situation in den deutschen Ställen. Ökonomische Zwänge und die internationale Wettbewerbssituation dürften bei der Diskussion aber nicht ausgeklammert werden.
 
Prof. Dr. Albert Sundrum von der Universität Kassel stellte auf dem Kolloquium seine Ansätze der notwendigen Produkt- und Prozessqualitäten sowie effizienter Kontrollsysteme vor, um durch eine konsequente Umsteuerung der Tierhaltung die aus seiner Sicht grundlegende Krise zu überwinden. Er konstatierte Marktversagen bei der Erzeugung von Qualität in der tierischen Erzeugung, da vieles von dem, was unter dem Begriff Qualität firmiere, eine Zunahme der Quantität darstelle, denn Tiergesundheit habe sich in der Vergangenheit nicht verbessert, sondern verschlechtert. Auch bei den sensorischen Eigenschaften von Frischfleisch seien keine Verbesserungen, sondern eher Qualitätsabnahme festzustellen. Sundrum führte die USA als Beispiel an, die durch eine Klassifizierung von staatlicher Seite zu einer wirklich qualitativen Verbesserung gekommen seien. Seine Vorschläge für Qualitätskategorien setzen auf der Ebene des landwirtschaftlichen Betriebes an. Für Fleisch zieht Sundrum pathologisch-anatomische Befunde bei den Tieren heran - für Milch die Zellzahlen.
 
Weiterhin fordert er kostendeckende Preise für Basis- und Premiumqualitäten. Zurzeit hätten wir es eher mit der Situation zu tun, dass eine große Variation in den Qualitätsmerkmalen bestehe, in der Regel aber nur ein Durchschnittspreis erzielt würde. Dieser würde zudem vom Handel mit Dumpingpreisen unterboten. Qualität oberhalb der Norm würde nicht mit Premiumpreisen honoriert, sondern erhielt wie normgerechte und auch wie Ware unterhalb der Norm den gleichen Preis. Da die Herstellung von Qualitätsware in der Regel mit Mehraufwendungen verbunden sei, bestünde nicht der geringste Anreiz für qualitative Verbesserungen in der Primärerzeugung. Vielmehr würde das Qualitätsniveau sukzessive nach unten verlagert.
 
Dr. Friedhelm Adam vom Landwirtschaftszentrum Haus Düsse der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen ging auf die Beratungsunsicherheit ein, mit Blick auf die zukünftigen Anforderungen und angesichts der aktuellen Marktlage. Er fordert Klarheit in den Rahmenbedingungen. Aktuelle Themen seien insbesondere die nicht kurativen Eingriffe am Tier, Fragen der Haltungsbedingungen, Aspekte der Leistungszucht, mögliche Belastungen der Umwelt, Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit, der Arzneimitteleinsatz und Aspekte der Nachhaltigkeit, zu denen die Beratung beispielhaft Empfehlungen zur Umsetzung geben könne. Die aktuellen Herausforderungen müssten in den bestehenden Stallsystemen bewältigt werden, da die Investitionsbereitschaft der Landwirte in neue Konzepte gering sei, was die Möglichkeiten deutlich einschränke.
 
Dr. Klaus-Josef Högg von der Hans Adler OHG in Bonndorf (Schwarzwald) führte aus, dass auch Verarbeiter die Notwendigkeit sehen, den Belangen einer nachhaltigen und tiergerechten Nutztierhaltung Rechnung zu tragen. Allerdings stehe die Fleischindustrie vor dem Spagat, einerseits den heutigen und zukünftigen Verbrauchererwartungen in Deutschland zu entsprechen und gleichzeitig im europäischen und internationalen Markt wettbewerbsfähig zu bleiben. Entweder blieben Landwirtschaft und Fleischindustrie mit ihren Produktionskriterien hinter der Verbrauchererwartung zurück, oder der Export würde mit so hohen Produktionskosten belastet, dass die Kosten für mehr Tierschutz deutsche Ausfuhren auf ausländischen Märkten nahezu unmöglich machten. Eine Differenzierung des Marktes sei deshalb wünschenswert und werde seiner Erwartung nach auch kommen, vor allem in Form von regionalen oder anbieter-spezifischen Markenfleischprogrammen. Neben den Nachhaltigkeitskriterien werden hier auch Kriterien der Fleischbeschaffenheit mit direktem Verbrauchernutzen eine wichtige Rolle spielen. Dem Ziel, Fleisch mit höheren Gehalten an intramuskulärem Fett zu erzeugen, misst Högg dabei große Bedeutung zu. Die Ebermast stehe dazu im logischen Widerspruch, und es seien noch Fragen offen, wie mit dem Eberfleisch in der Verarbeitung und im Verkauf umgegangen werden solle.
 
Die Landwirtschaft muss nach Auffassung von Georg Freisfeld, Schweinehalter aus Ascheberg (Nordrhein-Westfalen), lernen, ihr tägliches Tun an den Verbraucher zu bringen. Politik und Medien dürften dem Schweinehalter zu Folge allerdings nicht mehr als Hindernis für einen offenen Dialog stehen, sondern sollten vermitteln und Vertrauen schaffen. Erst dann könne der Verbraucher objektiv entscheiden. Die Öffentlichkeitsarbeit müsse in der Landwirtschaft als Produktionsfaktor gesehen werden. Sowohl bundesweit als auch regional gebe es eine Vielzahl von Möglichkeiten. Sein Appell: „Es ist noch nicht zu spät, aktiv zu werden!“.
 
An zahlreichen Beispielen aus der Geflügelhaltung zeigte Friedrich Otto-Lübker vom Unternehmen Big Dutchman International GmbH in Vechta auf, wie technischen Fortschritte in den letzten 15 Jahren zu einem „Mehr“ an Tierwohl geführt haben. Seiner Meinung nach sei es nun an der Zeit zur Justierung und objektiven Betrachtung des Erreichten auf der Basis nachvollziehbarer tierbezogener Indikatoren. Insbesondere die Sensorik werde zukünftig weiterhelfen, die unmittelbare Umgebung der Tiere zu optimieren und nachvollziehbar zu dokumentieren, damit wettbewerbsfähige Tierproduktion in Deutschland möglich bleibt.
 
 


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