290 Teilnehmer trafen sich zum Meinungs- und Erfahrungsaustausch in Hasselt (Belgien) - Ein Bericht von Michael Wolter, Birthe Lassen und Steffi Wille-Sonk
(EDF). Wie soll man die zunehmende Landknappheit bewältigen, wie sich bei steigender Nitratbeschränkung verhalten oder wie kann man die Chancen nutzen, die sich aus einem zunehmend urbanisierten Gebiet ergeben? Dies waren nur einige der Fragen, die sich die 290 Delegierten auf dem 22. Kongress der European Dairy Farmers (EDF) in Hasselt (Belgien) vom 27. bis zum 29. Juni stellten. Neun Präsentationen, zehn verschiedene Workshops und sechs Betriebsbesuche gaben den Teilnehmern einen näheren Einblick in die Möglichkeiten und Herausforderungen der belgischen Milchproduktion. Michael Wolter und Dr. Birthe Lassen vom Johann Heinrich von Thünen-Institut (Braunschweig) und Steffi Wille-Sonk (EDF/Frankfurt am Main) fassten die Ergebnisse zusammen.
Obwohl Belgien ein kleines Land ist, hat es ungefähr 11 Millionen Einwohner. Dieses sehr dicht bevölkerte Gebiet und die Tatsache, dass sich Belgien in die drei Regionen Flandern, Wallonien und Brüssel, die alle eine unterschiedliche Gesetzgebung und Sprache haben, aufteilt, verlangt den Belgiern viel Flexibilität und Kompromissbereitschaft ab. Aber genau das macht den belgischen Milchbauer aus, berichtete Jack van Outryve (Boerenbond Journalist):“Das Geheimnis der belgischen Milchproduktion ist die Robustheit, die Stärke und die Flexibilität hinsichtlich künftiger Entwicklungen.“
Auch Jean-Francois Verdenal, Präsident der European Dairy Farmers und französischer Milchbauer, betonte in seiner Eröffnung die Möglichkeiten, die sich aus der engen Nachbarschaft mit den Verbrauchern ergeben: “Besonders in Zeiten, in denen viele Verbraucher kein Wissen von der täglichen Arbeit auf einem Milchviehbetrieb haben, ist die Entmystifizierung der Landwirtschaft wichtig.“ Dies falle leichter, wenn die Verbraucher auch gleichzeitig die Nachbarn von landwirtschaftlichen Betrieben seien. Jean-Francois Verdenal ermunterte die Teilnehmer: “Als Landwirte und Unternehmer in der Milchbranche sollten wir „Landwirtschaft in Stadtnähe“ als Chance sehen, sollten aktiv sein, uns nicht in einer defensiven Position befinden und mehr mit der Politik, den Verbrauchern und gewählten Vertretern zusammen arbeiten.“
Piet Vanthemsche, Präsident des Boerenbond, stimmte dem EDF-Präsidenten zu: ”Die zunehmende Urbanisierung unseres Landes führt zu weiteren Herausforderungen. Andererseits bieten sich auch Chancen.“ Boerenbond ist seit mehreren Jahren nicht nur in der Landwirtschaft engagiert, sondern bringt sich auch in ländlichen Gemeinden ein. Insgesamt sind 17.000 landwirtschaftliche Mitglieder und 70.000 Familien aus ländlichen Regionen Mitglied im Boerenbond und nehmen hier an einer Vielzahl von Projekten teil. Piet Vanthemsche erklärte, dass immer mehr Leute in der Nähe von Städten leben (73 % der gesamten Bevölkerung Europas), sodass Lebensmittel in der Nähe der Verbraucher hergestellt werden müssen. Dies bringe zwar einige Gefahren für die Landwirtschaft mit sich (z. B. Widerstand gegen landwirtschaftliche Verfahren, höhere Landpreise, …), diese würden jedoch von den Vorteilen mindestens teilweise aufgewogen (z. B. Vermarktung in der Nachbarschaft, kürzere Transportwege, Kooperationen bei der Nutzung von Abwärme, Elektrizität).
In der Vergangenheit mussten die belgischen Milchviehhalter mit volatileren Milchpreisen auskommen als ihre europäischen Kollegen, da sie stärker vom Export von Milchpulver und somit auch stärker vom Weltmarkt abhängen. Heutzutage sind Marktveränderungen für alle europäischen Milchviehhalter Realität. Belgische Milchviehhalter müssen „nur“ mit stärkeren Quoten- und Stickstoffregulierungen als ihre europäischen Kollegen auskommen. Aber sie passen ihre Strategien entsprechend ihrer Prinzipien an: „Belgier sind nicht stark oder reich, aber sie sind clever.“ Durch die Vorbereitungen auf das Quotenende in 2015 und vor dem Hintergrund der jüngsten Fettkorrekturen, ist die belgische Milchproduktion seit 2005 bereits um 11 % angestiegen und ein weiterer Anstieg wird erwartet.
Nicht nur die Landwirte bereiten sich auf die Zeit nach 2015 vor. Auch die Molkereien bereiten ihre Kapazitäten bereits auf einen Anstieg der Milchproduktion vor. Heute werden etwa 40 % der Milch zu Milchpulver und Butter verarbeitet. Die restliche Milch wird zu Frischmilchprodukten und Käse verarbeitet, dessen Produktion über die vergangenen Jahre angestiegen ist. In Anbetracht des erwarteten Anstiegs der Milchproduktion nach 2015 investieren viele Molkereien bereits in zusätzliche Kapazitäten, auch mit der Absicht, den Anteil von Produkten mit einer höheren Wertschöpfung, wie z. B. „Belgischen Käse“ oder Babynahrung, zu erhöhen. Renaat Debergh (belgischer Milchindustrieverband) erklärte: “Milchanlieferung und die durchschnittliche Herdengröße in Belgien sind steigend. Eine der Herausforderungen für die Zukunft wird die Stärkung der Industrie für mehr Export sein.“
Unterschiede zwischen Flandern und Wallonien betreffen nicht nur die Gesetzgebung, sondern auch die natürlichen Bedingungen und die landwirtschaftliche Produktion. Während Landwirtschaft in Wallonien eher extensiv ist, hat Flandern einen hohen Anteil an der Tierproduktion, dem Gartenbau und sehr fruchtbares Land. In Flandern beläuft sich der Dauergrünlandanteil auf 26 %, während dieser in Wallonien etwa doppelt so hoch (bei 46 %) ist. Die Produktionskapazitäten in Flandern sind höher als die in Wallonien (z. B. hat ein durchschnittlicher Betrieb in Flandern 46 Kühe, während ein durchschnittlicher Betrieb in Wallonien 29 Kühe hat). Zudem befindet sich ein Großteil der Schweine- und Geflügelmast in Flandern. Dies führt dazu, dass 75 % der landwirtschaftlichen Wertschöpfung aus Flandern kommen, obwohl Flandern nur etwa 45 % der Fläche einnimmt.
Abhängig von den unterschiedlichen natürlichen Bedingungen ist Milchproduktion in Wallonien eher weidebasiert, während in Flandern Mais eine große Bedeutung in der Ration einnimmt. Aber nicht nur die Bewirtschaftungssysteme sind unterschiedlich. Auch der Quotenhandel ist unterschiedlich geregelt. In beiden Regionen wird ein Teil der Quote mittels eines Quotenfonds gehandelt. In Flandern kamen jährlich nur sehr geringe Mengen aus dem Fonds (etwa der Milchmenge für eine Zitze oder eine halbe Kuh pro Jahr entsprechend). Andererseits funktionierte der Fonds in Wallonien. In mehreren Jahren konnten junge Landwirte über 50.000 kg Quote aus dem Fonds kaufen. Es ist festgelegt, dass die Preise für den Quotenfonds bis zum Auslaufen der Quote sinken. Heutzutage kaufen immer noch einige belgische Landwirte Quote, da sie nicht an eine komplett ungeregelte Milchproduktion nach 2015 glauben. Investitionsbeihilfen sind ebenfalls noch an Quote gebunden und der Zukauf von Quote stellt eine Möglichkeit dar, Land von Betrieben, die aus der Produktion aussteigen, zu erhalten.
Hermanus Versteijlen, Direktor für Agrarmärkte der Europäischen Kommission bestätigte, dass die Milchquotenregelung nach 2015 abgeschafft wird und berichtete auch von den letzten Zahlen und Diskussionen der EU-Kommission im Hinblick auf die GAP 2020: „Wir haben keine gute Erklärung für die Steuerzahler, warum es unterschiedliche Fördersummen pro Hektar gibt. Deshalb müssen wir die Zahlungen über die gesamte EU angleichen.“ Er diskutierte zudem auch den Inhalt des Milchpaketes mit den Delegierten und erklärte die Möglichkeit für Landwirte, ihre Verhandlungsposition durch Erzeugergemeinschaften zu stärken und unterstrich, dass die vertragliche Gestaltung der Beziehung zwischen dem Landwirt und der Molkerei nicht von der EU vorgegeben wird, es aber eine Verpflichtung auf Ebene der Mitgliedsstaaten geben könne. Er ermutigte die Delegierten, branchenübergreifende Organisationen zu bilden, in denen Repräsentanten von Landwirten und Verarbeitern Wissen und Transparenz schaffen und gemeinsame Aktivitäten starten, die das Image von Milch weltweit verbessern. Die Diskussion über einen A-/B-Milchpreis wurde von Schweizer Landwirten kritisch gesehen, die vorschlugen, einen genaueren Blick auf die momentane Situation in ihrem Land zu werfen: Die private Marktregulierung funktioniert dort nicht besonders effizient, obwohl A-/B-/C-Quoten von einigen Erzeugerverbänden eingeführt wurden.
Im Verlauf des Kongresses sprach Prof. Dr. Folkhard Isermeyer, Präsident des Thünen-Institutes aus Braunschweig, über die Sicht von Agrarökonomen auf die Reform der GAP: “Grüne Direktzahlungen, wie sie momentan von der Kommission vorgeschlagen werden, können nicht als „universelles Mittel“ für Agrarpolitik angesehen werden. Aber es ist zu spät, ein komplett unterschiedliches Politikkonzept für die Periode 2014 bis 2020 auszuhandeln.“ Für die Zeit nach 2020 sollten Politiker und Wissenschaftler jedoch eine fundamentale Reform der GAP vorbereiten. Diese Reform könnte z. B. ein Auslaufen der Direktzahlungen innerhalb einer vorgegebenen Periode, eine Stärkung der zweiten Säule im Hinblick auf Inhalt und Finanzierung, die Einrichtung einer unabhängigen Politik für ländliche Räume sowie einer unabhängigen Politik für Entwicklungshilfe beinhalten. Wichtige Grundlage für die neuen Entwicklungen sei, dass „die Reform mit der Definition von Politikzielen und der Entwicklung adäquater Politikinstrumente zur Erreichung dieser Ziele beginnt“, nicht umgekehrt.
Neben strikten Quotenregelungen ist auch die Nitratrichtlinie ein begrenzender Faktor für die Milchproduktion. In Flandern kann die Obergrenze von 170 kg N/ha und Jahr aus tierischer Herkunft auf 250 kg N/ha und Jahr oder 200 kg N/ha und Jahr ausgedehnt werden, wenn das Land für zwei Früchte hintereinander genutzt wird (Gras und Gras-Mais oder Winterweizen und Zuckerrüben). Aber dies ist nur aufgrund der Verminderungsregelungen möglich – diese laufen bis 2014. Milchviehhalter benötigen jedoch eine Verlängerung, da der Export von Gülle zu Nachbarn in Regionen mit intensiver Viehhaltung teuer ist (0 bis 5 €/m³). Der Transport über lange Wegstrecken ist noch teurer (~12,5 €/m³) und zudem nur begrenzt möglich, da z. B. reine Gülle nicht nach Wallonien, wo die Intensität niedriger ist, exportiert werden darf. Wallonien wird als „exterritorial“ betrachtet. Durchschnittsberechnungen zeigen, dass die Nitratrichtlinie etwa 2 bis 8 ct/kg Milch an Extrakosten verursacht, abhängig von den individuellen Eigenschaften des Betriebes. Neben den Extrakosten, müssen flämische Landwirte auch Nährstoffemissionsrechte kaufen (850 bis 1.000 €/Kuh inkl. Jungvieh). Diese Emissionsrechte sind handelbar zwischen den Betrieben, aber nur innerhalb einer Tierart einsetzbar. Das bedeutet, dass Milcherzeuger sie zwar voneinander, aber nicht von Schweinehaltern kaufen können.
Belgische Betriebe werden häufig nur von den Familienangehörigen bewirtschaftet. Die Betriebe sind häufig nicht groß genug, um Arbeitskräfte einzustellen und wenn die Familienarbeitskräfte ausgelastet sind, wird häufig eine Automatisierung bevorzugt. Die zögerliche Haltung der Betriebe, Fremdarbeitskräfte einzustellen, scheint höher zu sein als in anderen europäischen Ländern. Dies könnte teilweise im belgischen Ausbildungssystem begründet sein, das sich darin unterscheidet, dass junge Landwirte nur eine Schule besuchen, ohne eine parallele praktische Ausbildung zu bekommen. Das bedeutet auch, dass die Landwirte nicht daran gewöhnt sind, junge Auszubildende oder Leute, denen sie ihre täglichen Aufgaben erklären müssen, auf ihrem Betrieb zu haben. Die Überwindung, eine Fremdarbeitskraft einzustellen, ist dann höher.
Alles in allem fassten die beiden Landwirte François Achten und Stefaan van Rumst die Zukunft der belgischen Milchviehhalter zusammen: „Belgische Milchviehhalter haben große Möglichkeiten nach 2015, vor allem, weil die Produktion in Verbrauchernähe erfolgt. Aber sie müssen auch Herausforderungen bewältigen, die künftige Betriebsgrößenentwicklungen und die Folgen der GAP-Reformen betreffen.“ Jan Halewyck, belgischer EDF-STAR unterstützte: “Die belgischen Kosten für Quote sind über dem EDF-Durchschnitt. Das Ende der Quotenregelung in 2015 ist eine Chance für unsere Milchviehhalter.“
Am zweiten Kongresstag berichtete Steffi Wille-Sonk (EDF-Wissenschaftlerin) über die aktuellen Ergebnisse des EDF-Produktionskostenvergleichs (CoP). Für die jüngsten CoP-Analysen stellten 313 europäische Milchviehhalter ihre betriebsindividuellen Zahlen zur Verfügung. Zudem nahmen noch weitere 20 Betriebe aus Australien und Kanada teil. In der zuletzt analysierten Periode (2010/2011, 2011) waren die Ergebnisse der EDF-Betriebe besser als im vorangegangenen Zeitraum: Ein Drittel der Betriebe war in der Lage, die Vollkosten der Milchproduktion zu decken (inkl. Entlohnung der eigenen Produktionsfaktoren, wie Land und Arbeit zu aktuellen Marktpreisen) und daher einen positiven Unternehmergewinn zu erwirtschaften (ausgenommen entkoppelte Direktzahlungen). Die Analyse zeigte zudem, dass Unterschiede in der Profitabilität zwischen Betrieben in den EDF-Gruppen mit einem ähnlichen Inputsystem hauptsächlich von Unterschieden in den Produktionskosten her rühren: Die 25 % profitabelsten Betriebe in den EDF-Gruppen erzielten vor allem im Bereich Arbeits-, Gebäude- und Maschinenkosten ein besseres Ergebnis: Es wurden weniger Arbeitsstunden pro Kuh benötigt und gleichzeitig wurde weniger Kapital pro Kuh in Gebäuden und Maschinen gebunden. Daher scheinen die Arbeitsabläufe auf diesen Betrieben effizienter gestaltet zu sein. Der Milchpreis war nicht der Grund für die Unterschiede in der Profitabilität der Betriebe. Die 25 % profitabelsten EDF-Betriebe aus den ausgewählten EDF-Gruppen waren in der Lage, ihre Vollkosten der Milchproduktion bei einem Milchpreis von 28,4 ct/kg ECM zu decken.
Am letzten Kongresstag stellte Willem Koops vom LTO aus den Niederlanden die jüngsten Ergebnisse des Milchpreisvergleiches – einer Zusammenarbeit von LTO und EDF – vor: „Die langfristige Perspektive für den Milchpreis ist positiv, auch wenn dieser in den ersten Monaten von 2012 um 5 bis 10 % im Vergleich zu 2011 zurückgegangen ist.“ Er stimmte ebenfalls zu, dass neben dem Anstieg der Milchpreise, die steigenden Inputpreise eine Herausforderung für europäische Milchviehhalter darstellen. Zudem wird die Volatilität der Märkte zunehmen, sodass es echter Unternehmer bedarf, die wissen, wie sie mit diesen Marktunsicherheiten umgehen müssen.
Während der Betriebsbesuche konnten die Delegierten sehen, wie jeder der besuchten Betriebe mit den unterschiedlichen Herausforderungen umging. Die Kongressteilnehmer besuchten dabei sechs Betriebe, von denen vier in Flandern und zwei in Wallonien lagen.
In Flandern wurden vier sehr unterschiedliche Betriebe besucht:
Hooibeekhoeve: Neue Möglichkeiten für flämische Milchviehhalter untersuchen
Seit 1972 finanziert die Provinz Antwerpen den Forschungsbetrieb mit 57 Kühen und Nachzucht. Während sich die Wissenschaftler vor allem auf nachhaltige Milchproduktion auf sandigen Böden konzentrieren, gibt es auch Projekte, die auf einen reduzierten Wasser- und Energiebedarf abzielen. Der Betrieb dient zudem auch zu Demonstrationszwecken für Verbraucher und als Weiterbildungszentrum für Landwirte. Ein wichtiges Projekt, an dem geforscht wird, ist die Wiederaufbereitung des Abwassers vom Melkroboter. Dieses wird nicht in die Gülle geleitet, sondern wird in ein Klärsystem, das auf Schilf basiert, gepumpt. Nachdem der Stickstoff durch Bakterien ausgefiltert wurde, kann das Wasser z. B. als Reinigungswasser im Roboter wieder verwendet werden.
Diamant Holsteins: Die Zukunft durch Automatisierung und Kuhkomfort gestalten
Mit drei Familienarbeitskräften bewirtschaften Koen und Guy Op 't Roodt einen 170 Tiere großen Milchviehbetrieb. Um dies mit der Arbeitsausstattung zu erreichen, haben sie einen Stall mit drei Robotern gebaut, der um einen vierten Roboter erweitert werden kann. Die Kühe liegen in Boxen mit Sandeinstreu. „Wir bevorzugen Sand, da es die einfachste und beste Lösung für die Kühe ist.“ Dies schlägt sich in einer niedrigen Remontierungsrate von 20 %, fast keinen Euterentzündungen, einem Zellgehalt von ~ 120.000 und einer durchschnittlichen Milchleistung von etwa 10.400 kg ECM/Kuh und Jahr nieder. Pro Kuh verwenden sie etwa 10 bis 20 kg Sand am Tag. Für die weitere Entwicklung ihres Betriebes haben sie konkrete Vorstellungen: Der Einbau eines vierten Roboters und eine durchschnittliche Milchleistung von etwa 12.000 kg/Kuh und Jahr. Die Nachzucht wird auf einer zweiten Betriebsstätte aufgezogen. Zurzeit erledigen sie die gesamte Feldarbeit selbst, was zu hohen Maschinenkosten führt. Aber sie sind auch bereit, einen Teil der Feldarbeit auszulagern, falls weitere Arbeitszeit im Stall benötigt wird. Für die Kühe planen sie nicht, eine Fremdarbeitskraft einzustellen.
De Donken Roger & Lieve Boonen: Ein zweites Standbein durch die Produktion von grüner Energie
“Zwei junge Landwirte erobern die Welt …” Mit ihrem Optimismus und ihren Visionen bewirtschaften die beiden einen interessanten Betrieb. Neben den 130 Milchkühen investierten sie in eine Biogasanlage. In der drei Fermenter umfassenden Anlage planen sie, zwei Megawatt elektrischer Leistung zu produzieren. Für die Herstellung von Strom aus Biomasse bekommen sie eine Subvention von der flämischen Regierung. Dafür unterliegen sie aber auch Bestimmungen, wie sie ihre Biogasanlage zu bestücken haben. Während 30 % aus Gülle stammen müssen und weitere 30 % durch Maissilage abgedeckt sind, kaufen sie den Rest als Abfall von Betrieben der Lebensmittelindustrie zu. Diese Nebenprodukte erhöhen die Profitabilität der Anlage, da sie günstig und einfach zu beschaffen sind. Innerhalb des urbanen Gebietes, in dem sich ihr Betrieb befindet, hat sich eine Vielzahl von Unternehmen der Lebensmittelindustrie angesiedelt.
Rullenhof Jean & Godelieve Geelen-Daenen: Jeder ausgegebene Euro muss vorher verdient werden
“Ich bin der Ire unter den Belgiern“, sagte das langjährige EDF-Mitglied Jean Geelen. Da er jeden Cent zwei- oder sogar dreimal umdreht, nutzt er seine alten Gebäude so lange wie möglich und hält seine Maschinenkosten niedrig. So bleibt der Rullenhof profitabel. Dies wird deutlich, wenn Jean Geelen-Daenen davon spricht, seinen 15 Jahre alten Melkstand am liebsten weitere 15 Jahre nutzen zu wollen. Als Jean und Godelieve Geelen-Daenen den Betrieb vor etwa 25 Jahren übernahmen, planten sie eine Aufstockung der Herdengröße. Aufgrund der strengen Regulierung für betriebliches Wachstum in Belgien, konnten sie dies jedoch erst nach 10 Jahren durch die Übernahme des Betriebes von Godelieves Eltern realisieren. Heute melken sie 110 Kühe auf ihrem Betrieb und nutzen die zweite Hofstelle für die Futterproduktion. Da die Bodenfruchtbarkeit dort sehr hoch ist, transportieren sie den Mais von dort zu ihrem Betrieb (~ 25 km). Generell fokussieren sich die Geelens auf eine hohe Futterqualität für ihre Kühe. Vor allem ein hoher Proteingehalt im Gras ist ihnen wichtig. Schaut man sich nicht nur die Milchkühe, sondern auch die Nachzucht an, kann man erneut von den Geelens lernen: Es hängt nicht primär von den Gebäuden ab, wie gut die Tiere aussehen, sondern vielmehr von den Personen, die den Betrieb führen.
Auch der Einblick in die wallonischen Betriebe war sehr interessant:
Ferme Bamisch von Vital Laschet: Zusammenarbeiten, um Arbeitseffizienz zu steigern
Um die Vorteile einer größeren Herdengröße zu nutzen, fanden sich viele kleine Landwirte in einer Gesellschaft zusammen, die zum größten Teil Vital Laschet gehört und auch von ihm geleitet wird. Die Mitglieder verpachten ihr Land und ihre Quote dabei an die Gesellschaft. Für belgische Landwirte stellt dies eine Möglichkeit dar, die Grenzen des Quotenhandels zu überwinden und ihren Betrieb zu vergrößern. Die Gesellschaft wuchs daher in den vergangenen Jahren von 200 auf etwa 400 Kühe an. Da die Kapazitätsgrenze nun fast erreicht ist, plant Vital Laschet die Produktivität pro Kuh zu erhöhen. Eine durchschnittliche Milchleistung von etwa 8.000 kg ist in diesem intensiven System zu wenig. Da die Tiere von verschiedenen Betrieben stammen, stellt die unterschiedliche Genetik auch unterschiedliche Anforderungen an den Betrieb. Neben seinem Milchviehbetrieb leitet er auch ein Lohnunternehmen, das einige Aufgaben für den Milchviehbetrieb übernimmt.
Des Coteaux Marc und Dominique Coenegrachts-Vaes: Futterqualität macht die Profitabilität aus
Eine Grundfutterleistung von etwa 6.800 kg ECM/Kuh und Jahr ist einer der größten Vorteile des Betriebes von Marc und Dominique Coengrachts-Vaes. Da sie in ihrer Region gute Bedingungen für die Pflanzenproduktion haben, bietet sich ihnen die Möglichkeit, auf einem Drittel ihrer Maisfläche italienisches Weidelgras über Winter anzubauen. Dies nutzen sie zusätzlich zu ihrem ersten Schnitt im Frühjahr. Obwohl der Betrieb auf sehr gutem Ackerland liegt, bekommen die Kühe die Möglichkeit, auf einer 8 ha großen Weide zu laufen. Dies trägt zudem zu der niedrigen Remontierungsrate von etwa 20 % und einer Leistung von über 10.000 kg/Kuh und Jahr bei.
Neben den Präsentationen und Betriebsbesuchen hatten die Delegierten auch die Möglichkeit an Workshops teilzunehmen, um mehr über die belgische Milchproduktion und weitere interessante Themen zu erfahren.
Wie könnte eine künftige Vertragsbindung zwischen Landwirten und Molkereien aussehen? Diese wichtige Frage wurde im Zuge des Workshops „Vertragsgestaltung“ diskutiert. Die aktuelle Diskussion ist vor allem auf die Bildung von Erzeugergemeinschaften fokussiert, in denen sich die Landwirte jeder Molkerei in mindestens einer Liefergemeinschaft zusammenfinden sollen. Die zentrale Frage war dabei, wie diese Liefergemeinschaften aussehen sollen. Es gab jedoch auch kritische Stimmen, die die Idee in Frage stellten, da es auch bedeuten würde, eine Genossenschaft innerhalb eines privaten Unternehmens zu schaffen. Insgesamt wurde deutlich, dass es am wichtigsten ist, die Molkereien zu motivieren, für die Milch eine hohe Wertschöpfung zu erreichen. Die Einführung eines A-/B-Preissystems wurde in diesem Zusammenhang eher kritisch gesehen, da es den Molkereien eine einfache Begründung für niedrige Milchpreise liefern würde.
Die Diskussion über die individuellen Ergebnisse des Produktionskostenvergleichs fand im „CoP intensive“ Workshop statt. Besonders junge Landwirte gaben hier an, ihren Betrieb in Zukunft vergrößern zu wollen. Probleme, die mit dem Erreichen dieses Zieles verbunden sind, seien vor allem die begrenzte Ausstattung mit Land und gut ausgebildeten Arbeitskräften. Andere Teilnehmer stellten in Frage, ob es immer nötig sei einen Kredit aufzunehmen und zu wachsen, auch wenn der Betrieb momentan gut läuft. Die Volatilität der Milchpreise könnte dann zu Liquiditätsproblemen führen. Um diese Volatilität zu vermeiden, wäre eine engere Verbindung zwischen Milcherzeugern und Molkereien ein guter Weg.
In einem weiteren CoP-Workshop gab es eine interessante Diskussion über die ersten Ergebnisse einer neuen Methode, die Produktionskosten zu erheben. Im Vordergrund standen die Arbeitskosten: Stallarbeiten (Melken, Füttern, …), Feldarbeit (Gras- und Pflanzenproduktion) und sonstige Tätigkeiten (Instandhaltung, Büroarbeiten, …). Zu einer interessanten Diskussion kam es vor allem hinsichtlich der Erfassung und Harmonierung von Arbeitsstunden und Arbeitseffizienz im Bereich des Melkprozesses auf den unterschiedlichen Betrieben.
Der dritte Workshop über den Produktionskostenvergleich drehte sich darum, wie Landwirte ihre jüngeren und künftigen Investitionen bewerten. Wie trug die letzte Investition zu den Erlösen und Profiten des Gesamtunternehmens bei und welche Ansprüche stellen die Landwirte an künftige Investitionen? Die Teilnehmer investierten in den vergangenen Jahren recht viel (Melkstand, Güllelager, Jungviehstall, Land und weitere Betriebsstätten, …). Allerdings trug, aus Gesichtspunkten der Profitabilität, keine der Investitionen zu einem besseren Ergebnis des Unternehmens bei. Die am häufigsten geäußerten Gründe für Investitionen waren die Herdenaufstockung (höherer Umsatz), strategische Gründe für künftiges Wachstum (nach 2015), Einhaltung von Regulierungen und die Möglichkeit, nicht aus dem Markt auszuscheiden. In Zukunft scheinen die Investitionen die gleichen zu bleiben, vor allem als Vorbereitung auf das Ende der Milchquote. Aber wie sieht dies im Detail aus? EDF-Zahlen ergeben, dass Investitionen in Gebäude in den meisten Fällen profitabel sind. Das Gegenteil ist der Fall bei Investitionen in Maschinen. Investitionen in Maschinen erhöhen in den meisten Fällen nicht den Unternehmensgewinn.
Was machen sie für die Nachhaltigkeit ihres Betriebes? Dies war die zentrale Frage des „dairyman“ Workshops. Während sich die Teilnehmer mit Fragen, wie „Wie wichtig ist ihnen Nachhaltigkeit?“ oder „Wie sehen sie die Nachhaltigkeit ihres Betriebes?“ auseinandersetzten, wurden sie auch in die Nachhaltigkeitsprojekte von Friesland Campina und dem „dairyman“ Projekt (EU finanziert) eingeführt. Die meisten Teilnehmer sehen Nachhaltigkeit als wichtiges Thema an und sind sich darüber bewusst, dass die Nachhaltigkeit eng mit der Profitabilität des Unternehmens verbunden ist. Diese Bedeutung könnte für niederländische Milchviehhalter noch zunehmen, wenn Friesland Campina den Milchpreis nach 2020 teilweise an den Grad der Nachhaltigkeit eines Lieferanten bindet. Für die Teilnehmer, die ihre Nachhaltigkeit steigern wollen, sind einige Hilfsmittel dafür auf der „dairyman“ Website vorgestellt. Diese beinhalten Ausbringungstechnologien für Gülle und intelligente Fruchtfolgevarianten.
Wie kaufen Sie ihre Inputfaktoren? Vor dem Hintergrund einer ebenfalls steigenden Volatilität für Inputpreise, war dies Thema eines weiteren Workshops. Die Teilnehmer wurden nach ihrer persönlichen Sicht der Bedeutung von Hauptinputfaktoren, wie Futtermittel, Dünger und Diesel gefragt. Während die meisten Landwirte vom europäischen Festland angaben, dass Futtermittel für sie der bedeutendste Inputfaktor sind, gaben irische Landwirte an, dass Dünger für sie von größerer Relevanz sei. Dies ist darin begründet, dass der Großteil des Futters für irische Betriebe vom Grünland produziert wird. Ob man eher mit Kontrakten oder am Kassamarkt kaufen sollte, war die andere zentrale Frage, die im Laufe des Workshops diskutiert wurde. Ein italienischer Landwirt berichtete, dass trotz des intensiven Produktionssystems die Arbeit mit Kontrakten in Italien eher unüblich sei. Dementgegen gab ein deutscher Landwirt an, dass er viele seiner Einkäufe mit Kontrakten absichert. Diese gegensätzlichen Ansichten zu Kontrakten verdeutlichten, wie unterschiedlich das Einkaufsverhalten der Betriebe in Europa ist.
Der nächste EDF-Kongress findet vom 26. bis 29. Juni 2013 in Schweden statt.