DLG e.V. - Pressemeldungen

Presseinformationen für die Landwirtschaft:

Turbulente Weltwirtschaft – welche Perspektiven haben Agrarexporte?

Die Weltwirtschaft ist in Bewegung, die Turbulenzen der wirtschaftlichen Entwicklung können sich auf den Agrarhandel auswirken. Handelsexpertin der Commerzbank plädiert für stärkere Diversifizierung der EU-Exportdestinationen. Produkte hoher Qualität bieten Exportvorteile. Impulsforum auf der DLG-Wintertagung.

 (DLG). Tägliche Fernsehnachrichten lassen glauben, dass sich die Weltwirtschaft im Umbruch befindet, und das nicht nur in den Schwellenländern, sondern auch in den Industrienationen. Welche Wirkung dies auf die Agrarexporte haben kann, welche Mengenströme sich verändern können und welche Position Europa und Deutschland im Konzert des Welthandels einnehmen, diskutierten Wirtschaftsexperten im Rahmen der DLG-Wintertagung in Hannover in einer öffentlichen Veranstaltung des DLG-Ausschusses für Betriebsführung.
 
Der Ausschussvorsitzende Ulrich Wagner sieht angesichts der aktuellen Entwicklung mit Schlagworten wie Brexit, antieuropäische Tendenzen und zunehmendem Nationalismus die Welt vor unruhigen Zeiten. Der Landwirt und Unternehmer macht gleichzeitig bewusst, wie der Import und Export von Lebensmitteln Vielfalt auf die Teller bringt. Während Deutschland als Gunststandort ideal für die Erzeugung hochwertiger landwirtschaftlicher Produkte ist, kann in anderen Ländern der großflächige Anbau etwa von Futtermitteln wie Soja sinnvoll sein. Eine internationale Arbeitsteilung ist daher vorteilhaft.
 
2015 beliefen sich die weltweiten Agrarexporte auf einen Wert von über 1,3 Billionen US-Dollar. In Deutschland sind rund 4,5 Mio. Menschen in der Agrar- und Ernährungswirtschaft tätig. Die deutsche Landwirtschaft erwirtschaftet jeden vierten Euro mit dem Verkauf außerhalb des Landes. Bei der deutschen Ernährungswirtschaft liegt der Anteil sogar bei über 30 %. Die Wertschöpfung aus den Agrarexporten sichert und schafft zahlreiche Arbeitsplätze in Deutschland und fördert damit den Wohlstand.
 
Deutschland ist im Weltagrarhandel sowohl drittgrößter Importeur als auch Exporteur. Den Exporten der deutschen Agrar- und Ernährungsindustrie im Wert von rund 68 Mrd. Euro im Jahr 2015 standen Importe im Wert von über 79 Mrd. Euro gegenüber. Negativen Einfluss durch politischen Druck kann jedoch der Handelsbilanzüberschuss Deutschlands auf die Agrarbranche haben. Erfahren internationale Handelsabkommen Veränderungen, wird sich dies auch auf den Agrarbereich auswirken. Die DLG hat 10 Thesen zur Landwirtschaft 2030 formuliert. These 9 fordert, den internationalen Handel mit den Zielen der Entwicklungspolitik in Einklang zu bringen und spricht sich für einen offenen und geregelten Agrarhandel aus.       
 
Hubert Siply, Leiter der Abteilung Länderanalysen bei der Bayern LB, gab einen Ausblick, welchen Kurs die globale Wirtschaft in den heutigen turbulenten Zeiten nehmen kann. Nach einem guten Start der Weltwirtschaft ins Jahr 2017 können politische Risiken in Europa und protektionistische Pläne der US-Regierung die Weltkonjunktur im Jahresverlauf wieder verlangsamen. Sorgen um die Stabilität einiger europäischer Banken können zusätzlich das Wachstum in Europa belasten. Das Wachstum in den Emerging Markets zieht etwas an, bleibt aber hinter den Steigerungsraten vor der Finanzkrise zurück. Die Weltwirtschaft wird insgesamt 2017 wieder etwas stärker wachsen, allerdings vor dem Hintergrund enormer Risiken. Das aktuell niedrige Zinsniveau in Europa wird noch eine Weile erhalten bleiben, da die hohe Verschuldung in vielen Euro-Mitgliedsländern eine Zinswende derzeit ausschließt. Durch den zunehmend stärkeren Dollar ist eine 1:1-Parität zum Euro möglich.
 
In vielen Ländern der Europäischen Union ist eine Skepsis gegenüber der EU und der Globalisierung festzustellen. Dies sowie der Zulauf populistischer Parteien sorgen für Unsicherheit, die lähmend für Investitionen ist. Durch den anstehenden Brexit ist eine Rezession in Großbritannien zu erwarten, die Bremsspuren in den anderen europäischen Ländern hinterlassen wird.
 
In den Emerging Markets hat die Verschuldung in den vergangenen Jahren kräftig zugenommen. Das macht viele Länder anfällig gegenüber einem Zinsanstieg in den USA und setzt die Währungen unter Druck. Auch wenn die Rohstoffpreise ihre Talsohle durchschritten haben, ist ein weiterer Anstieg des Ölpreises unwahrscheinlich. Während die Entwicklung vor allem im Nahen und Mittleren Osten von großen Risiken bestimmt ist, ist in China die „Soft Landing“ der Konjunktur geglückt und eine Stabilisierung abzusehen.
 
Wohin sich die Agrarexporte verschieben und welche Rolle Deutschland dabei spielt, darüber informierte Dr. Michaela Kuhl von der Commerzbank Research. Nach ihrer Aussage werden in Zukunft neben China und den USA andere Märkte für die deutsche bzw. die EU-Agrar- und Ernährungswirtschaft an Bedeutung gewinnen. Das wirtschaftliche Gewicht Asiens dürfte 2050 von einem Drittel auf die Hälfte der globalen Wirtschaftsleistung steigen. Gemeinsam mit dem Bevölkerungswachstum wird die Nachfrage nach Agrargütern steigen. Eine große Herausforderung wird der Klimawandel sein, da der größte Teil der ökonomischen Schäden im Agrarsektor entstehen wird.
 
Mit Blick auf wichtige Agrarmärkte im nächsten Jahrzehnt geht die Analystin davon aus, dass die EU ihre Position bei Weizen ausbauen und ein großer Nettoexporteur bleiben wird. Bei Rindfleisch etabliert sich die EU als kleiner Nettoimporteur, während sie die Exporte von Schweinefleisch steigern wird. Die Geflügelproduktion soll in den nächsten zehn Jahren in der Gemeinschaft stark steigen, und der Export von Butter und Käse wird stark ausgebaut. Bei Magermilchpulver gibt es für die EU noch Luft nach oben, während bei Milchprodukten allgemein die Hoffnung auf der Gewinnung neuer Märkte besteht.
 
Bei der Suche nach alternativen Handelspartnern sollte sich die EU auch um andere Länder bemühen. Die zehn Länder Mexiko, Nigeria, Südafrika, Ägypten, Äthiopien, Iran, Bangladesh, Indonesien, Philippinen und Pakistan haben zusammen so viele Einwohner wie China, und die Bevölkerung dort wird in den nächsten zehn Jahren weit stärker wachsen als im Reich der Mitte. In den zehn Ländern wird in den kommenden Jahren die Nachfrage nach Getreide, Fleisch und Milchprodukten stärker steigen als in China, während dieses beim Ölsaatenimport dominierend bleiben wird.        
 
Mittelfristig muss bei vielen Agrarprodukten mit rückläufigen Preisen gerechnet werden. Die EU-Kommission geht dagegen bei Getreide und Ölsaaten sowie im Milchbereich von nominal leicht steigenden Preisen aus. Mit 75 % Anteil an den Exporten sind aktuell die EU-Länder die Hauptabnehmer deutscher Agrarprodukte. Für die deutsche Agrarwirtschaft sind die Aussichten weiterhin gut, da sie eine starke Wettbewerbsposition auf den internationalen Märkten hat. Das hohe Qualitätsniveau deutscher Erzeugnisse ist eine gute Basis für einen weiteren Exporterfolg.
 
Als Fazit lässt sich sagen, dass China auch in Zukunft ein wichtiger Abnehmer für deutsche Agrarprodukte bleiben wird und dass neue Märkte heranwachsen. Mittelfristig ist von real nachgebenden Preisen auszugehen, langfristig wird es aber eine Trendumkehr geben. Die Agrarwirtschaft in der EU kann insgesamt vorsichtig optimistisch in die Zukunft blicken.
 
In der anschließenden Diskussion, die von Dr. Achim Schaffner, Fachgebietsleiter Ökonomie im DLG-Fachzentrum Landwirtschaft, moderiert wurde, bestätigte Dr. Kuhl nochmals die günstige Prognose für Deutschland. Auf die Tierwohl-Anforderungen angesprochen, hält sie es für kritisch, wenn überzogene Forderungen zu Produktionssystemen gestellt werden. Man solle genau hinschauen, ob solche Regelungen notwendig sind, um nicht ohne Not die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu gefährden.     
 
Einig waren sich die Experten darin, dass Deutschland insbesondere für hochqualitative Produkte einen Vorteil im internationalen Wettbewerb hat und diesen auch nutzen sollte. Qualitätssicherungsprogramme sind in diesem Zusammenhang positiv zu sehen, weil gerade im Bereich Ernährung die Produktsicherheit eine sehr große Rolle spielt.
 
Die deutsche Landwirtschaft ist sehr preisgetrieben, was ihr in der Vergangenheit geholfen hat und ihre Wettbewerbsfähigkeit steigerte. Strengere Auflagen machen es aber zunehmend schwierig, wettbewerbsfähig zu bleiben und die Produktion auszuweiten.
 
Die industrialisierte Welt, und hier besonders die USA und Europa, ist absolut betrachtet noch der größte Markt für Agrarprodukte. Das wird sich durch das starke Bevölkerungswachstum in anderen Ländern der Erde ändern, das mit einer entsprechend hohen Nachfrage nach Agrarprodukten verbunden sein wird. Für die deutsche Agrarwirtschaft wird es nicht ausreichen, sich künftig auf Europa zu konzentrieren, wobei Europa noch auf lange Zeit den Markt anführen wird.
 


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