DLG e.V. - Pressemeldungen

Presseinformationen für die Landwirtschaft:

Ohne Tiergesundheit kein Tierwohl

Dr. med. vet. Siegfried Moder, Präsident des Bundesverbandes Praktizierender Tierärzte e. V. (bpt), Frankfurt am Main

Neben dem Thema der antimikrobiellen Resistenzen wird seit Jahren kaum etwas in der deutschen Öffentlichkeit so heiß diskutiert wie die Haltungsbedingungen von Nutztieren. Immer mehr Verbraucher wünschen sich nicht nur Lebensmittel, die gesundheitlich unbe-denklich und von bester Qualität sind, sie sollen auch aus tiergerechter Haltung stammen.
 
Mit dem Ziel, diesen Verbraucherwunsch zu erfüllen, sind in Deutschland inzwischen Tierwohl-Initiativen, Tierschutz-Label und gesetzgeberische wie auch freiwillige politische Vorstöße zu mehr Tierschutz auf Bundes-, Länder- und regionaler Ebene ins Leben gerufen worden. Es hat sich zwar erfreulich viel bewegt, allerdings fehlt nach wie vor eine gesell-schaftliche Übereinkunft darüber, wie die Nutztierhaltung morgen und übermorgen aussehen soll. Die große Anzahl der Tierwohl-Initiativen ist für die Verbraucher nicht mehr überschau-bar. In der Konsequenz erlebt die Öffentlichkeit deshalb Lösungsansätze nicht als aufeinander abgestimmte Meilensteine auf dem Weg zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung, sondern als zum Teil konkurrierende Einzellösungen, mit denen sich unterschiedliche Akteure profilieren wollen. Es fehlen aber nicht nur ein übergeordnetes Ziel, eine Strategie und eine Institution, die aus der bestehenden Vielfalt ein Maßnahmenmix herausfiltert, der zum gewünschten Endergebnis führt. Den Überlegungen zu mehr Tierwohl fehlt eindeutig auch die Einbeziehung der Tiergesundheit und somit der Tierärzte.

- 2 -
 
Im Spannungsfeld zwischen gesundheitlichem Verbraucherschutz, Tierschutz und Wirtschaftlichkeit hat die Gesundheit der landwirtschaftlichen Nutztiere eine Schlüssel-funktion. Von ihr hängt in besonderem Maße die Gesundheit des Menschen ab, ihre Erhaltung ist aktiver Tierschutz und gesunde Tiere sind das Unternehmenskapital des Landwirts. Ob Infektionen, Parasitosen, Eutererkrankungen, Stoffwechsel- oder Fruchtbar-keitsprobleme, all das beeinträchtigt die Leistungsfähigkeit der Tiere und damit die wirt-schaftliche Situation des landwirtschaftlichen Betriebs. Wegen der angespannten Ertragslage der Gesamtbranche wird dessen Rentabilität aber immer wichtiger. Doch in jedem Betrieb gibt es zehn bis 30 Prozent ungenutztes Potenzial, das direkt mit der Herdengesundheit zusammenhängt. Die Basis des landwirtschaftlichen Erfolgs ist und bleibt deshalb der gesunde Tierbestand. Folglich ist es unerlässlich, das EU-Tiergesundheitsrecht so umzusetzen, dass regelmäßige Bestandsbesuche des Hoftierarztes, wie sie beispielsweise in der Schweinehaltungshygiene Verordnung obligatorisch sind, gesetzlich vorgeschrieben werden.
 
Die tierärztliche Bestandsbetreuung leistet sowohl für das Tierwohl als auch für den gesund-heitlichen Verbraucherschutz und die rechtliche Absicherung des Landwirts als Lebensmittel-produzent wertvolle Dienste. Sie trägt dazu bei, dass mit gesunden Tieren qualitativ hoch-wertige Lebensmittel wirtschaftlich rentabel produziert werden können. Mit der Integration der Bestandsbetreuung durch den Hoftierarzt in den Produktionsprozess lassen sich Behandlungskosten senken, ein gezielterer Einsatz von Tierarzneimitteln sichern und gleich-zeitig der Einsatz von Antibiotika weiter optimieren.
 
Während der Vergleich von 24 Ländern der Europäischen Union im Zeitraum 2011 bis 2014 lediglich einen Rückgang des Antibiotikaverkaufs für die Nutztierhaltung von 12 % zeigt, haben wir in Deutschland mit der Halbierung der Antibiotikaabgabe von pharmazeutischen Unternehmen an Tierärzte von rund 1.700 auf 800 Tonnen in fünf Jahren schon viel erreicht. Dennoch werden wir Tierärzte gemeinsam mit der Landwirtschaft noch weitere Anstren-gungen unternehmen müssen, um der Selektion auf multiresistente Keime in der Tierhaltung vorzubeugen.
 
Das Zukunftsmodell der Nutztierpraxis ist aus meiner Sicht deshalb die datenbankbasierte Bestandsbetreuung, die den Hoftierarzt aktiv in das Betriebsmanagement einbindet. Mit Hilfe der Datenauswertung eines Herdenmanagement-Programms kann er, wie kein zweiter, Tiergesundheit und Ökonomie verbinden. Daten der betreuten Betriebe werden automatisch generiert - in der Milchviehhaltung z. B. der Gehalt an Fett, Eiweiß, Milchharnstoff, Laktose
- 3 -
 
und die Zellzahl aus der Milchleistungsprüfung. Zusammen mit dem Tierhalter werden Behandlungen, Tier-Beobachtungen und andere Daten ergänzt, wie Besamungen, Kalbung, Diagnosen, Fütterung und Ration, Laktation, Abstammung oder auch die Lebensleistung der einzelnen Tiere. Das alles sind Parameter, die sich konkret auf das Betriebsergebnis aus-wirken. Aus dem Datenvolumen lassen sich betriebs- und tierindividuelle Auswertungen ziehen, Verläufe erkennen, Infografiken auswerfen. Viele Tiergesundheitsprobleme können prophylaktisch gelöst werden, weil sie früh genug erkannt wurden. Die tierärztliche Arbeit wird damit vom Kosten- zum Rentabilitätsfaktor. Durch das ganzheitliche und nachhaltige Tiergesundheits- und Hygienemanagement bekommt der Landwirt eine umfassende, syste-matische Unterstützung. Unter Berücksichtigung wirtschaftlicher Gesichtspunkte werden alle für Gesundheit und Leistung der Tiere wichtigen Abläufe im Stall optimiert und routinemäßig überwacht. Im Fokus stehen dabei sowohl das Tierwohl wie auch die Verbesserung des wirtschaftlichen Ergebnisses des landwirtschaftlichen Betriebs.
 
Der bpt begleitet diese Entwicklung seit Jahren aktiv. Die von ihm gemeinsam mit Experten aus dem Rinder-, Schweine- und Geflügelbereich entwickelten Leitlinien für eine ordnungs-gemäße tierärztliche Tätigkeit bei der Betreuung von Tierbeständen geben dabei dem Tierarzt Sicherheit, gesetzlichen Vorgaben gerecht zu werden. Sie sind ein Beispiel für den angewandten Tierschutz durch Tierärzte. Beim gesellschaftlichen Streit um Tierwohl und die Zukunft der Nutztierhaltung muss deshalb auf den Aspekt Tiergesundheit endlich mehr Wert gelegt werden.


Kontakt

DLG e.V.
Servicebereich Kommunikation
Eschborner Landstr. 122
60489 Frankfurt/M.
Telefon: +49(0)69/24 788-201

Guido Oppenhäuser

g.oppenhaeuser(at)DLG.org
(-213)
Leiter Kommunikation und Marketing

Friedrich W. Rach

f.rach(at)dlg.org
(-202)
Pressereferent Landwirtschaft und Ausstellungen

Dr. Frank Volz

f.volz(at)dlg.org
(-224)
Pressereferent Landtechnik, Redaktionsleitung DLG-Test Landwirtschaft

Dr. Malene Conlong

m.conlong(at)DLG.org 
(-237)
International Press Communications

Unsere Fachzeitschriften:

DLG-Mitteilungen
DLG Test Landwirtschaft