DLG e.V. - Pflanzenkrankheiten, die die Welt beweg(t)en

Pflanzenkrankheiten, die die Welt beweg(t)en

Prof. Dr. Thomas Miedaner ist Wissenschaftler an der Landessaatzuchtanstalt der Universität Hohenheim und leitet die Arbeitsgebiete Roggen und Biotischer Stress. Foto: Miedaner

Prof. Dr. Thomas Miedaner über einen Feind, der immer wieder sein Haupt erhebt.

Dass Kaiser, Könige und Feldherren die Geschichte bestimmten, lernten wir in der Schule. Dass aber auch Pflanzenkrankheiten den Lauf der Geschichte ändern können, ist noch nicht Allgemeingut. Dabei waren sie Ursache von Hungersnöten, Massensterben und wirtschaftlichen Umschwüngen. Der spektakulärste Fall war die Ankunft der Kraut- und Knollenfäule in Westeuropa im Jahr 1845, die innerhalb von wenigen Wochen die gesamte Ernte vernichtete und in den Folgejahren rund eine Million Iren Hunger sterben und zwei Millionen auswandern ließ. Der Mutterkornpilz des Roggens führte über Jahrhunderte zu schrecklichen Krankheiten, Totgeburten, Massensterben und trug vielleicht zur Hexenverfolgung bei. 

 

Doch längst ist nicht alles Geschichte, was Pflanzenkrankheiten anrichten. Gerade in den tropischen Monokulturen sind ihre verheerenden Wirkungen heute noch real. Wegen kleiner Schadpilze musste der Kaffeeanbau von Südostasien nach Südamerika verlagert werden, in Brasilien gibt es heute keine wirtschaftliche Kautschuk-Produktion, mehr und die Banane wird weltweit von einer neuen Pilzrasse bedroht, ebenso wie die Zitrusindustrie in Brasilien und Florida von einem zellwandlosen Bakterium. 

 

In Europa ist ein problemloser Gersten- und Zuckerrübenanbau nur möglich, weil im 20. Jahrhundert die Gerstengelbmosaikviren und das Rizomania-Virus durch konsequente Resistenzzüchtung besiegt wurden. Aber der Feind erhebt immer wieder sein Haupt. Sei es eine neue Rasse des Gelbrostes, die seit 2011 vorher nicht gekannte Epidemien in Europa auslöst, fungizidresistente Stämme vieler Getreidepilze, denen Strobilurine und Carboxamide nichts anhaben können oder gefährliche Fusarium-Toxine in der Getreideernte. Dies zeigt schon, dass wir uns auch in der hochindustrialisierten Landwirtschaft nie sicher sein können. 

Wir haben heute in Europa mit Pflanzenbau, Pflanzenschutz und Pflanzenzüchtung mächtige Waffen gegen viele Pflanzenkrankheiten. Wer allerdings glaubt, schon morgen ganz auf chemischen Pflanzenschutz verzichten zu können, sollte die Beispiele von Epidemien aus Vergangenheit und Gegenwart kennen und bedenken, dass 2016 bei vielen ökologischen Betrieben die Kartoffelernte katastrophal ausfiel. Schuld war wieder einmal die Kraut- und Knollenfäule. Der Verbraucher merkt heute nichts mehr von solchen Katastrophen, umso wichtiger ist Aufklärung.

 

Zum Weiterlesen: Miedaner, Pflanzenkrankheiten, die die Welt beweg(t)en. Springer Verlag Berlin Heidelberg. ISBN 978-3-662-49903-0